Too fast to die

Sardinien, der Tourbericht / Oktobär 2008

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Von Floh, 20.10.2008, 01:23 und folgende Tage

Sardinien, Oktobär 2008 (Bilder)

Die Anreise

Es war mal wieder eine größere Gruppe, welche im OktoBär die Insel der Inseln aufsuchte. Vorhut bildeten Marino und Kerstin, die auf eigener Achse anreisten - und das auch noch eine Woche früher um schon mal zu üben. Zum Fährpunkt Freitag Nacht hatten sich verabredet: Dieter und Edgar (wobei ersterer ernsthaft mit dem Gedanken spielt sein nächstes KFZ mit einer AHK auszustatten) machten vorher noch den Abetone unsicher, Andrea spielte Anhalter und quartierte ihre neue Fazer auf Uwes und Doris Hänger und Micha, Floh, Sandy und Tobi reizten die Zuladungskapazitäten des BMW aus. Von weiter nördlich reisten Helmuth und Timo an, welche wieder mal den Daimler in einen hessischen Alimentari verwandelten und selbst Ravioli nach Sardinien schmuggelten.

Micha wollte eigentlich so gegen halb zehn bei mir sein, um halb zwölf kamen wir dann los und sammelten Tobi noch in Eching ein. Aufgrund der knappen Zeit machte ich die Erfahrung, dass Mad Max auch bei 140kmh noch ordentlich auf der Bahn liegt, aber auch, dass dann lässige 15l durch die Einspritzung des BMW laufen. Zumindest war ich mit einem erhöhten Spritverbrauch nicht allein.
Knapp nach dem wir Tobi aufgeladen hatten, meldete sich schon Schorsch (der BMW) mit seinem antiquierten Bordcomputer und faselte was von Niveauregulierung. Wir stellten sofort das Erzählen schmutziger Witze ein, brachte jedoch keine Abhilfe. Es war definitiv das Gewicht. Der Tobi ist doch ein ganz schöner Moppel. Muss ihn mal fragen, wie er das so geschickt kaschiert...

So gegen zehn kamen wir dann im Hafen an. Hatten die Säckel doch schon wieder umgebaut und man musste die andere Einfahrt nehmen. Also nicht die vom Mai. Vielleicht war das ja nur die Herbstpassage, jedenfalls kennen wir jetzt beide Einfahrten. Als wir uns dann in der Warteschlange einreihten, war das Fass schon angezapft und wir haben uns nach der gegenseitigen Begrüßung erst mal einige Bier genehmigt. Weit zu fahren hatten wir ja nicht mehr. Dachten wir. Die Fähre kam, entließ die heimreisenden Fahrzeuge und dann ging die Rangiererei los. Irgendwo dazwischen schmuggelte sich Uwe schon mal an Bord. Timo und ich verfluchten uns selbst nicht vorher noch irgendwo hin gegangen zu sein. Zuviel Bier drückt doch auf die Blase wenn unqualifiziertes Personal eine solche Fähre bestückt.

Irgendwann waren wir dann alle auf dem Schiff, besetzten die Poolbar, bestaunten sich selbst aufstellende Zelte und tranken uns gemütlich in die richtige Stimmung zum Schlafen. Edgar hatte sich irgendwo eine Bank belegt und ein Hauch von Mitleid kam in mir auf - für die anderen Passagiere. Aber wer einen ruhigen Schlaf haben will, sollte sich halt eine Kabine buchen. Der nächste Morgen war mal wieder zu früh da - wieso legen die Kähne eigentlich schon um kurz vor sieben an? Wir quälten uns in bzw. auf die Fahrzeuge und schlugen die Richtung Arbatax ein. Irgendwo bei Santa Theresa deckten wir uns noch mit dem Landesgetränk Ichnusa ein. Schorsch meldete nichts mehr von Niveau. War doch der Tobi nicht schuld? Versteht sich Schorsch als Biertransporter? 20km später piepste er wieder. Vielleicht war das Bier schon warm - wir werden es wohl nie erfahren. In Arbatax angekommen wurden die bereits bekannten Wohnungen bezogen und ein wenig relaxed. Gegen Nachmittag wollte ich mit dem Banditen Willi noch eine kurze Runde über die Berge machen. Zuvor versetzte mir Edgar noch einen gehörigen Schreck mit der Aussage: "Also mit dieser Gabel würde ich keinen Meter fahren". Ich war so froh gewesen, am Donnerstag Abend noch meine Tiger mit neuem Fahrwerk und abgedichteter Gabel zu bekommen, da erzählt Edgar was von komischen Geräuschen und das sich die Gabel so komisch verbiegt. Mit völliger Lebensverachtung bin ich dann trotzdem gefahren, hab beim Fight gegen die Bandit völlig vergessen, dass da was sein könnte und daraufhin beschlossen, dies für den Rest des Urlaubs zu ignorieren. Hat geklappt. Ich bin nicht hingefallen.

Später am Abend wurde der Grill eingeweiht und das hervorragende Getier, welches sich sonst so auf unseren Spielstraßen rumtreibt, verspeist. Strafe muss sein! Leider gab es da gewisse Unstimmigkeiten, wer alles beim Abendessen beteiligt sein soll. Ich hoffe, das legt sich alles wieder und will deshalb auch nicht näher drauf eingehen.

Ein Telefonat mit Bobby informierte uns darüber, dass Rene es vorgezogen hat, einen Purzelbaum über eine Mercedeshaube zu machen, anstatt mit uns zu spielen. So ganz knapp von daheim weg. Ich glaube er fand das danach nicht so toll und hat alle Anstrengungen unternommen die Duc wieder fahrbereit zu bekommen und hat sich als klar wurde, dass das Mopped nicht repariert werden kann und er die Fähre auch nicht erreichen kann, ziemlich über die Daimlerfahrerin geärgert, die da ohne zu schauen aus der Ausfahrt rausgefahren ist.

Ich fand es sehr schade, dass Rene nicht kommen konnte.

Ziele werden codiert

Es ist ja so, dass nicht jeder, der im Internet diesen Reisebericht liest, gleich wissen soll wo die tollen Sträßchen sind. Das könnte jetzt eine Begründung sein. Eine andere, dass man sich das sonst einfach nicht merken kann. Deshalb fuhren wir am Sonntag erst mal Richtung Geisterstadt, bogen dann zum Kuhscheissepass ab, nahmen dann in Marmelade einen Cappuccino ein, um dann den Korkeichenpass in Angriff zu nehmen.

Etwas irritierend war für mich, dass Edgar diesmal nicht voraus gefahren ist. Er hatte sich nicht mal vorbereitet und irgendwelche spannenden Routen geplant. So was kann einen ganz schön aus der Bahn werfen - so unvorbereitet. Also wurde ich auserwählt oranzufahren. Vermutlich hatten es alle nicht besonders eilig und wollten auch mal was von der Landschaft sehen. Zumindest am Korkeichenpass winkte ich dann mal Dieter, Timo und Uwe vorbei, damit sie auch mal richtig zum Fahren kommen.

Irgendwo am Korkeichenpass tauschte ich meinen Tiger gegen Edgars V-Strom. Seitdem grüble ich, wie er mit dem Eimer so schnell sein kann. Edgar ging es aber auch nicht viel besser, kritisierte irgendein Aufstellmoment und wir waren beide in der nächsten Ortschaft froh, wieder auf die eigenen Eisen zu steigen. Edgar unterstellte mir dann allerdings, ich hätte sein ganzes Benzin verfahren - ich sollte mich allerdings erinnern, wenn ich in der gleichen Zeit noch irgendwelche Umwege gefahren wäre - und suchte verzweifelt eine Tankstelle. Ich glaub sein neuer Garmin ist wirklich nicht so toll, denn er fuhr im Abstand von 5m an der Tanke vorbei ohne sie zu bemerken. Sardische Einbahnregeln ignorierend lotste ihn dann sein Navigationsbackup Dieter zu der Tankstelle. Freundliche Sarden wiesen sie auf ihren Fauxpas hin - ich glaube in seinem tiefsten Inneren ist der Sarde doch ein Deutscher.

Von Bitte ging es dann weiter über Onanieren zur Lola und dann auf das Gässchen auf welchem Gras wächst. Ich durfte mal wieder vorfahren und gab mir alle Mühe, dass es für die hinterher Fahrenden nicht langweilig wird. Teilerfolge konnte ich erzielen. Kaum angekommen riss sich Timo den Helm vom Kopf und ließ sich das Frühstück noch mal durch den Kopf gehen. Er bestreitet es zwar vehement, aber ich hege immer noch den Verdacht, ihm wurde von der eigenen Fahrweise schlecht. Diese amüsante Situation wurde allerdings jäh von einem Telefonanruf unterbrochen. Doris beichtete, ihr Motorrad kaputt gemacht zu haben. Also wieder rauf den Berg. Auch wenn die Restweitenanzeige der hoch präzisen englischen Raubkatze mittlerweile 0km anzeigte. An der Unglückstelle kümmerte sich bereits ein Pärchen aus Aschaffenburg um Doris, welche bereits am Straßenrand saß und ansprechbar war.

Ein wenig irritiert war ich von der Tatsache, dass uns der weiße Landcruiser des Pärchens auf dem engen Gässchen wohl entgegen gekommen sein muss. Nur keiner konnte sich daran erinnern... vielleicht doch mal den Fahrstil überdenken. Tunnelblick und so. Doris tat die Schulter weh und Anke und Andy boten sich an sie in die Klink der nächsten Kreisstadt zu bringen. Ein feiner Zug - zumal Anke auf einen regulären Sitzplatz in diesem Zweisitzer verzichtete. Uwe und Andrea als Dolmetscherin folgten dem Geländewagen, Timo bot sich an, auf die havarierte Bandit aufzupassen, ich bekam Uwes Autoschlüssel und wir machten uns über die Feigenstrasse, Sinalco-Cola und SS125 auf den Weg das Transportfahrzeug zu holen.

Gegen halb sieben war dann der Hänger am Auto und Helmuth und ich brachen auf, um zuerst Doris von der Klink abzuholen und dann Timo von der Bergwacht zu erlösen. "Elf ruff unn neunzenn runner" war dann seine Statistik über die gezählten Fahrzeuge welche an diesem Tag noch die Unglückstelle passierten. Er konnte noch präzisiere Aussagen nach Fahrzeugtyp und Farben machen, aber das habe ich leider vergessen. Jedenfalls kam ich so in den Genuss auch mal mit 4 Rädern die Feigenstrasse zu fahren - im Dunkeln. Aus Sicht eines Autofahrers ist diese Strasse irgendwie gar nicht mehr so lustig. Schon gar nicht mit Anhänger. Irgendwie kann ich jetzt die Autofahrer verstehen, die uns für völlig verblödet halten.

Gegen halb elf kamen wir zur Wohnung zurück. Edgar hatte ein formidables Mittagessen (ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr) gezaubert und zudem begrüßten wir Bobby und Biggy.

Ich war wohl nicht der einzige, der munkelte Bobby hätte eine neue Flamme. Wer kann schon ahnen, dass ein Kerl in dem Alter mit seiner Schwester in den Urlaub fährt. Auf jeden Fall ist sie eine ganz Nette. Doris hatte Kerstin in der Klinik um eine Stunde verpasst. Kerstin hatte sich in einer Linkskurve entschlossen, nicht noch mehr Schräglage zu riskieren und war lieber mal gegen den Bordstein gefahren. Sicher ist sicher. Der Bordstein war recht stur, wich nicht zurück und Kerstins SV machte dann einen Purzelbaum. Unglücklicherweise brach sich Kerstin dabei was an der Hand. So hatten wir 2 Damen am Tisch, die beide an diesem Tag ihrem Körper Schaden zugefügt hatten. Doris hatte sich das Schlüsselbein gebrochen. Besonders bitter für Doris, war sie doch extra noch mal auf die Insel gefahren, weil sie sich im Mai schon am ersten Tag das Knie verletzt hatte (ohne Mopped) und deshalb kaum zum Fahren gekommen war. Aber alle guten Dinge sind drei - das nächste Mal klappt es bestimmt.

Gourmettempel

Als ich mich am nächsten Morgen aus den Federn quälte, war Uwe mit Marino schon zur Bergung von Kerstins SV aufgebrochen. Diese war unweit einer Carabinieri Station bei Marmelade deponiert worden. Stichwort Carabinieri: Mit einem dieser Gattung hatte Marino bereits vor unserer Ankunft Kontakt gehabt. Hatten sie doch bei einem Besuch von Orgosolo sorglos ihre Helme am Spiegel hängen lassen. Wo doch in jedem besseren Reiseführer über Sardinien steht, dass dies der Handlungsort des Spielfilms "Die Banditen von Orgosolo" war. Irgendeinen Grund musste es haben, dass ausgerechnet dort der Film gedreht worden war. Jedenfalls bekamen Kerstin und Marino die amtliche Genehmigung ohne Helm in die Kreisstadt zu fahren um für Ersatz zu sorgen. Der Rest entschloss sich zu einer kleinen Rundfahrt durch die Berge. Zum warm werden erst mal mitten durch Tortolis enge Gassen. Dort gibt es eine etwas verwirrende Ampelschaltung - ich glaube nicht jeder unserer Gruppe verstand die roten Lichter richtig zu deuten. Ich wurde noch von freundlichen Sarden auf die Bedeutung bzw. Existenz dieser Lichter hingewiesen. Freundlicherweise schaltete in diesem Moment die Lichtzeichenanlage auf Grün. Wie war das noch mit den Sarden und den besseren Deutschen? Glücklicherweise sind die Carabinieri auf der Insel noch etwas italienischer - vermutlich vom Festland. Die Tour führte diesmal tatsächlich bis zur Geisterstadt und weiter nach Seui. Dort hatten wir im Mai schon mal versucht, einen Cappuccino zu trinken und hatten uns schließlich mit Espresso begnügt, weil der Wirt nichts anderes anbot. Zielsicher suchten wir wieder diese Lokalität auf. Vermutlich weil es die einzige gastronomische Einrichtung des Ortes mit genügend Parkfläche vor der Tür ist. Der Wirt schien uns wieder zu erkennen und wies uns - oder besser Andrea, die als einzige verstand was er sagte - darauf hin, dass er ein Restaurant und keine Bar habe. Da muss man erst mal drauf kommen bei der Plastikbestuhlung, dass es sich hier um einen Gourmettempel handeln soll. Diesmal reichte es nicht für Espresso - wir mussten uns mit Wasser, zumindest aus der Flasche, begnügen. Vielleicht sollten wir das nächste Mal einfach unseren eigenen Cafe mitbringen und ein Picknick auf seiner Terrasse veranstalten.

Weiter ging es Richtung Aritzo. Edgar war von der Landschaft so beeindruckt, dass er nicht nur langsam fuhr, sondern sich Abends noch auf der Karte zeigen ließ, wo dies gewesen war. Zu Recht. Die Straße windet sich entlang unterhalb von Tafelbergen, unten im Tal ziehen malerische Bäche über Geröllformationen, die sich sicherlich nach der Schneeschmelze in reißende Ströme verwandeln. Jawohl Schnee auf Sardinen. Es soll dort sogar Skilifte geben. Aber da man diese nicht sehen konnte, hätte man jederzeit erwarten können, dass hinter der nächsten Ecke ein Filmteam am neuesten Karl May Film wirkte. Indianer hätten mich nicht wirklich erschreckt. In Aritzo wurde eine Tankstelle aufgesucht. Immerhin hatten wir schon 112km zurückgelegt seit unserem Start in Arbatax. Nur einer tankte. Dieter schüttete nach dieser Distanz unglaubliche 17 Liter in seinen Tank. Da stellte sich schon die Frage, wo das Zeug hingekommen ist. Rauchen in der Nähe seines Fahrzeuges wollte ich jedenfalls nicht mehr. Über Fonni ging es dann weiter auf den Kuhscheissepaß, nach welchem sich die Gruppe teilte. Der eine Teil wollte fix zum Ichnusa, der andere Teil machte noch einen Schlenker über Talana und Urzulei. Die Umwegler haben dann auch noch ein Ichnusa für die hübsche Tour bekommen.

Waffentausch

Am Dienstag war es schon soweit. Hatte ich mir zwar extra die Reifenflanken ein wenig aufgehoben für die Insel, waren diese nach bereits 500km zerstört. Ersatz hatte ich mir mitgebracht, einen gut abgehangenen 6 Jahre alten Satz BT10. Uwe war so nett und brachte mir diesen zum Reifenhändler, welcher sich noch vor der Mittagspause daran machte, meine Raubkatze neu zu behufen. 30€ für einen Vollservice empfand ich mehr als in Ordnung.

Bobby, Rotzlöffel und Marino warteten schon darauf mit mir spielen zu gehen, wohingegen der Rest der Bande wohl einen Strandtag einlegen wollte. Klar, Kurven hat man auch daheim, der Bodensee gilt aber nicht als Meer.

Bis zur Geisterstadt eierte ich hinter Bobby und Timo hinterher, hatte ich ja schon mal schmerzhafte Erfahrung mit frischen BT10 gemacht und das volle Vertrauen zu der alten DOT war noch nicht so gegeben. Auf halber Strecke nach Ilbono erklärte ich die Socke jedoch für eingefahren - im Internet ließt man immer mal wieder was von 100km, welch Verschwendung! - uns setze mich ein wenig von Marino ab. Bei der Geisterstadt warteten schon Timo und Bobby auf uns beide und es ging weiter Richtung Jerzu. Dabei passierten wir Osini. Der Vorort dieses Dörfchens war völlig verlassen und wie wir später erfuhren waren ihre Bewohner irgendwann mal nach Deutschland ausgewandert um uns dort mit sardischer Küche zu beglücken. Eigentlich auch nicht so schlecht für uns.

Weil Bobby nach Sprit verlangte, fuhren wir nicht direkt weiter nach Perdasdefogo sondern zweigten auf die Passabfahrt nach Jerzu. Ein geniales Sträßchen. Eigentlich sind ja fast alle Straßen in der Gegend genial, aber dieses besonders. Gab mir diese Straße doch endlich mal die Gelegenheit die Fireblöd vom Rotzlöffel zu distanzieren. Nach dem Tanken wieder hoch und das gleiche Spiel - schön!
Auf der Strecke nach Perdasdefogo wendete sich das Blatt - auf den langen Geraden war ich dem gelben Jogurtbecher einfach nicht gewachsen. Aber vernünftige Menschen erklären das mit Verantwortungsbewusstsein und verurteilen sowas als hirnlose Raserei. Zumindest Bobby wollte mit mir spielen. Inzwischen hatte er sich scheinbar schon an die geringe Verkehrsdichte gewöhnt und war dann etwas überfordert beim Überholen eines einzelnen Fahrzeugs und büßte dabei den linken Spiegel an einer Leitplanke ein.

In Ballao belohnten wir uns mit einem Cappuccino für unseren Einsatz und fuhren dann über San Nicolo, Villasalto, Villaputzo und SS125 wieder Richtung heim. Irgendwo auf der SS125 tauschten Bobby und ich unsere Geräte - ich durfte Super Duke fahren. Ein sehr gewöhnungsbedürftiges Fahrzeug. Die Bremsen sind zwar ziemlich gut, aber auch irgendwie meist überflüssig. Man muss nur vor der Kurve vom Gas gehen und schon bremst der Motor so stark ab, dass man fast auf dem Tank sitzt. Sehr gewöhnungsbedürftig war auch Bobbys linker Spiegel - so ohne Glas. Ich dachte bisher, die SD wäre ein super handliches Spaßgerät. Weit gefehlt. Das Ding muss man erst mal dazu überreden einzulenken. Irgendwie wie ein Sportler wo die Verkleidung vergessen wurde. Es war dann eine ziemlich blöde Idee kurz vor Arbatax wieder zurückzutauschen. Beim Einlenken mit der Tiger hätte ich mich dann fast auf die Nase gelegt, so handlich ist sie im Gegensatz zur SD. Am nächsten Tag konnte ich es dann wieder - aber das ist eine andere Geschichte.

Flumendosa

Der Morgen begann mal wieder so richtig zeitig. Ich weiß gar nicht, ob wir das in dem Urlaub überhaupt mal geschafft haben am Vormittag loszukommen. Timo war schon unterwegs zum Hondahändler um seine leckende Gabel abdichten zu lassen.

Es muss wohl wieder so knapp vor Mittag gewesen sein. Alles stürmte mal wieder ungeordnet zur Tankstelle um von da aus gemeinsam loszufahren. Ich muss wohl der letzte gewesen sein, als mir Bobby entgegenkam und mir mitteilte, dass er noch mal zurück muss um Öl aufzufüllen. Normalerweise würde ich ja jetzt wieder über KTM und Öl lästern, aber das steht mir als Triumph Fahrer glaub ich nicht zu. Jedenfalls ließen wir die anderen voraus fahren und ich wartete auf Bobby an der Tanke, da ich ungefähr wusste, wo es hingehen sollte.

Es scheint wohl etwas umständlich zu sein, bei diesem Mattighofener Eisen Betriebsstoffe nachzufüllen, so dass die anderen doch deutlich Vorsprung hatten. Aber wir hatten eine Strecke von 70km bis Villaputzo aufzuholen. Hätte ja eigentlich gereicht, wenn Sandy und Andrea nicht in der letzten Saison zu Rasern mutiert wären. Sandy erklärt das ja mittlerweile als Ziel Michas Rauchpausen zu verkürzen und Andrea hat kurzerhand die Leistung ihres Mopeds nahezu verdoppelt. So viel Leistung für Mädchen finde ich einfach nicht in Ordnung. Und dann ist Bobby auch noch der Sprit ausgegangen - keine Chance die anderen aufzuholen. Vielleicht sind wir ja auch nur mädchenhaft gefahren.

Als wir da so an der Tanke rumstanden kam uns Micha plötzlich entgegen, fuchtelte irgendwie in der Luft rum und fuhr weiter in der Richtung aus der wir gekommen waren. Da denkt man natürlich, wir wären zu weit gefahren, hätten irgendwo abbiegen müssen oder die anderen sitzen in einem lauschigen Café und schlürfen ohne uns Cappuccino. Also fuhren Bobby und ich noch mal durch die ganze lange Ortschaft und als uns das spanisch vorkam bediente ich erst mal mein Mobiltelefon um den Standort der anderen zu eruieren. Klar, hätten wir Michas rumgefuchtel ignoriert, wären weiter gefahren, wären alle anderen 800m weiter gestanden. Micha war nur Wasser kaufen gefahren, wer rechnet denn mit sowas...

Nachdem wir so jetzt schon genügend Zeit vertrödelt hatten, fuhren wir ins Landesinnere um ungefähr die gleiche Strecke wie am Vortag zu fahren. Die Strecke nach Villasalto hoch ist aber auch ein Traum - wenn kein Walter vor einem fährt, der nach Kehren plötzlich eine Vollbremsung hinlegt. In engen, aber übersichtlichen Radien windet sie sich den Hang hoch - mit der für Sardinen üblichen Verkehrsdichte.

An der Kreuzung nach Silius beobachteten wir noch drei bayrische BMW Fahrer, die reichlich orientierungslos drei mal an uns vorbeikamen und jedes Mal eine andere Richtung einschlugen. Da wäre wohl mal ein Garmin Grundkurs angebracht.

In Ballao gab es dann endlich den Cappuccino - wir hatten ja auch ein wenig Zeit, da, wie wir vom Vortag wussten, die örtliche Tankstelle erst wieder um 15:00 Uhr öffnete und der Tankautomat defekt war. Und wir hatten ja jemanden dabei, der in diesem Urlaub kürzere Tankintervalle hatte. So konnten wir noch in aller Ruhe über Schweizer Glatzköpfe lästern.

Nach dem Cappuccino kullerten wir über Escalaplano nach Nurri, wo es endlich den ersehnten Gixxentreibstoff gab. Ballao hatte immer noch zu gehabt. Vorbei am malerischen Lago del Flumendosa wieder die gewohnte Strecke Richtung Geisterstadt. Kurz nach Seui ging es dann links in die Büsche um noch eine Nuraghe - zumindest eine sollte man mal gesehen haben - anzusehen. Andrea allerdings wollte gleich heim. Bobby verwechselte die Nuraghe mit einem Kletterpark, während Edgar und ich der Ansicht waren, dass so eine Nuraghe erst aus der Distanz so richtig wirkt. Klingt auf alle Fälle besser als "zu faul zum laufen".

Weiter ging das Gässchen zum Primo Salto del Flumendosa. Erst jetzt beim Schreiben fällt mir auf, wie einfallslos die sardischen Bezeichnungen zum Teil doch sind.

Die Tierexkremente nahmen auf der SS389 Richtung Lanusei ab, es konnte wieder ein wenig beherzter am Kabel gezerrt werden. Kurz vor Lanusei schummelte ich mich noch an Helmuth vorbei und befand mich plötzlich hinter Micha. Meinen Lehrmeister überholen, schoss es mir durch den Kopf! In meinem jugendlichen Leichtsinn beging ich einen fatalen Fehler. Um Boden gut zu machen, nahm ich die Linkskurve voller Übermut und schepperte hart mit der Raste auf dem Asphalt. Meine Tarnung war aufgeflogen, das Kriegsbeil wurde ausgegraben. In Lanusei und Ilbono kämpfte Micha mit allen Tricks. Hinter Pkws den Moment abwarten, bis nur noch er knapp vor dem Gegenverkehr überholen konnte, um daraufhin Boden gut zu machen. An dieser Partisanentechnik muss ich wohl noch ein wenig feilen. Zwar hatte er am Ortsende von Ilbono schon einen beachtlichen Vorsprung herausgefahren, aber ich war ja motiviert und schob mich kurzerhand wieder hinter ihn. Erstaunlich wie breit so eine Hornet sein kann... Später behauptete Micha, ich hätte ihn ja in der Wechselkurve (welche von den vielen eigentlich?) überholen können, aber so richtig Willens war er wohl nicht, quetschte er doch seine Hornet auf den Geraden voll aus. Auch wenn ich letztlich nicht vorbei kam, hat es Spaß gemacht und ich konnte mir wieder den ein oder anderen miesen Trick abgucken. Aber man muss schon sagen, mit dem Original Fahrwerk kämpft der Micha schon mit stumpfen Waffen.

In Tortoli fanden wir an der Ecke Umgehungsstraße - Hauptstraße noch eine Bar und kauften uns erst mal ein Ichnusa - und wen trafen wir da? Die orientierungslosen BMW Fahrer. Ist doch eine kleine Insel.

Unterschiedliche Interessen

Ich bin mir nicht sicher, ob ich wieder mal der letzte war der aufstand. Tobi war da ein ausgesprochen harter Konkurrent. Aber er hat eine bessere Entschuldigung als ich. Er ist ein Frühchen, hat also was nachzuholen.

Sonst war jeder auf den Beinen. Fast jeder. Marino hatte sich noch mal abgelegt, nachdem er Kerstin morgens um sechs in die Hände der Beauftragten des ADAC übergeben hatte. Auch Doris wartete darauf abgeholt zu werden. Es muss wohl so gegen zehn gewesen sein und der Krankenwagen, welcher Doris nach Cagliari hätte bringen sollen, hätte bereits lang dagewesen sein sollen. Uwe war schon recht nervös und war runter an die Straße gegangen um den Transporter abzufangen. Eigentlich eine Phrase, Doris mit dem Krankenwagen zu transportieren. Bei einem Schlüsselbeinbruch hätte es wohl auch ein Taxi getan. Nach einigen Telefonaten stellte sich heraus, dass der gesendete Rettungswagen seinerseits auf den Abschleppdienst wartete. Er war liegen geblieben.

Bobby war inzwischen unterwegs den Reifenhändler reich zu machen. Die Tage zuvor überlegte er sehr angestrengt, wie er sich zwischen Pirelli, Pirelli und Pirelli entscheiden sollte. Genauer gesagt waren es Diablo, Diablo Rosso, Diablo Super Corsa und Diablo Super Corsa III. Ich glaub letzterer ist es dann geworden.

Inzwischen war Ersatz für den gestrandeten Rettungswagen angefordert worden und so knapp vor Mittag tauchte ein 90er Jahre Transit mit blauen Lichtern auf. Ganze 3 Mann Besatzung hatte das Fahrzeug, alle brav in Samariter Kitteln. Scheinbar eine ABM Maßnahme. Der Fahrer sah aus wie eine Mischung aus Elvis und unrasiertem Mickey Rourke, das Fahrzeug hätte von einem deutschen TÜV Sachverständigen wohl keinen Segen mehr bekommen. Die Stoßstangenecken fehlten, das Reserverad hatte kein Profil mehr und ich bildete mir ein, der Motor klang auch komisch. Doris erwähnte noch zaghaft, dass sie durchaus in der Lage sei ganz normal zu sitzen, aber die Rettungsfahrer hatten einen Auftrag. Sie wurde hinten auf die Transportliege geschnallt. Und dann fuhren sie schon los, sie waren ja schon knapp in der Zeit.

Um die Sache zu Ende zu bringen, erzähle ich jetzt mal wie es Doris weiter erging. Sie kamen ein wenig zu spät zum Flughafen, aber extra für Doris wurde der Touribomber eine viertel Stunde aufgehalten. Nachdem sie in München gelandet war, wurde sie wieder von einem Tatütata Fahrzeug in Empfang genommen. Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ein Taxi vielleicht billiger gewesen wäre? Aber bestimmt nicht so aufregend. Knapp vor Nürnberg war Stau, aber wozu hat man denn die blauen Dinger auf dem Dach? Genau! Dann geht es schneller. Sowas hätte ich manchmal auch gerne am Auto. Da gab es doch noch die Abkürzung über die A73 dachte der Fahrer - vielleicht angeregt durch das Navi. Bei Berufsverkehr ist diese Strecke dank der 3 Ampeln welche diese Autobahn unterbrechen nicht die allererste Wahl. Aber wozu hat man denn... genau! Soviel Spaß hat man im Taxi selten.
Zurück auf die Insel. Nach Doris Abholung hatte ich mir bestimmt schon den fünften Kaffee aus Uwes genialer Maschine herausgelassen. Im übrigen ein Punkt, der klar für die Anreise mit Hänger spricht. Denn wer nimmt schon so einen Brühapparat statt Topcase auf dem Moped mit?

Ich fühlte mich hinreichend wach noch ein wenig Reifen vernichten zu gehen. Marino, der inzwischen seinen fehlenden Schlaf nachgeholt glaubte und Helmuth wollten mich begleiten. Und der Rest? "Ne, nicht schon wieder Moped fahren", "Ich wollte noch braun werden", "Gibt's da auch einen Bootverleih?" - so ein festes Quartier drückt die Jahresfahrleistung. Nicht mal Timo wollte seine neuen Simmeringe testen.

Also hielten wir drei die Moppedfahrer Fahne hoch - Bobby war ja schon weg die neuen Gummis zu testen. Wir schwuchtelten erst mal gemütlich die SS125 hoch nach Dorgali und machten dann den Abstecher nach Orgosolo. Die Ortsdurchfahrt Oliena meisterte ich dieses Mal in Rekordzeit. Ganz ohne Navi. Letztes Jahr im Mai brauchten wir noch ein eine knappe Stunde um diesem Gewirr von Einbahnstraßen und Häuserschluchten zu entkommen. Trotz, oder wegen Navi. In Orgosolo zeigte Marino keine rechte Lust nochmal beim Carabinieri vorstellig zu werden um nach dem Verbleib der beiden Helme nach zu fragen. So entschlossen wir uns, in unserem Stammcafé in Mamuiada einen Cappuccino zu trinken.

Es ist übrigens eine gute Idee, in Mamuiada bei den flüssigen Produkten zu bleiben. Wir ließen uns dazu hinreißen Panini zu ordern. McDonald hat seitdem einen Stern mehr auf der Gastroskala, um sich gegen diese Nahrung abzuheben. Eine knappe Stunde hatten wir uns dort aufgehalten, hatten gerade gezahlt und waren im Begriff uns die Helme wieder überzustülpen, da stand plötzlich Bobby mit seiner SD vor uns. So groß ist die Insel wirklich nicht.

Nun zu viert setzten wir die Fahrt Richtung Fonni fort. In Anbetracht der schwarzen Wolken fragte ich noch Marino, ob wir die Abkürzung über den Kuhscheissepass nehmen sollte, aber der war gerade in Fahrt und meinte, die Runde über Aritzo könnten wir noch mitnehmen. Bobby hab ich nicht gefragt. Deshalb hat er sich dann Abends ein wenig beschwert, weil er eigentlich heim wollte. So unbequem war mir die SD eigentlich gar nicht vorgekommen.

Eigentlich hatte ich mir an dem Tag vorgenommen, schön brav vor Marino herzufahren und ein wenig auf Linie zu machen. Aber so knapp vor Seui drängte sich dann Bobby vor und schob sich hinter mich. Ich dachte mir so, wenn er spielen will - gut! Also weg mit Linie, Fußrasten zum stabilisierend auf den Asphalt gesetzt und genüsslich Benzin abfackelt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Bobby mir die ganze Zeit mitteilen wollte, dass er tanken wollte. Das war dann quasi kontraproduktiv. In Seui kauften wir uns erst noch ein wenig Benzin um weiterspielen zu können. Das zogen wir dann auch konsequent bis Ussassai durch. Hatten die Mopeds Sprit in Seui bekommen, brauchten die Reiter jetzt einen Cappuccino. Am Ortsende von Ussassai wurden wir fündig. Warum man in diesem Lokal allerdings nicht rauchen durfte, entzieht sich meinem Verständnis. So ein bisschen Zigarettenqualm hätte die Luftqualität in diesem Raum um 100% gesteigert. Zumindest geruchstechnisch.

Mittlerweile war es doch recht spät geworden und wir sahen zu, dass wir Land gewinnen. Im Dunkeln über die Geisterstadt runter nach Arbatax klang nicht so verlockend. Zunächst hatten wir mit einigen Kampfsarden zu tun. Erstaunlich wie breit so ein Kleinwagen werden kann, wird er engagiert den Berg hinunter bewegt. Noch erstaunlicher war die Lebensverachtung der Fahrer. So wie da die Kurven geschnitten wurden, wundert es mich nicht mehr, dass die Insel so dünn besiedelt ist. Irgendwann punkteten wir dann mit unserem Leistungsgewicht, passierten die Asphaltblasen und versuchten der einsetzenden Dämmerung zu entfliehen. Wir haben es auch fast geschafft. Die letzten 3 Kilometer war dann rabenschwarze Nacht. Für Marino ein bisschen länger - aber der hat auch das bessere Licht.

Kaum in der Ferienwohnung angekommen, ging die Hetze schon weiter. Fischlokal war angesagt. Also fix umziehen und zum Lokal laufen. Alle? Fast alle. Edgar klärte uns darüber auf, dass es bestimmt ein Kilometer weit wäre bis zum Hafen und er deshalb fahren würde. Später verkündete er stolz, dass es eine weise Entscheidung war. Es waren nämlich sogar 1,6km!

Während des Spaziergangs erfuhr ich, was die anderen den Tag über angestellt hatten. Das gute Wetter nutzend waren sie zum Hafen getingelt und hatten sich ein Schlauchboot gemietet. Natürlich nicht irgendeins, sondern gleich mal mit ordentlich Leistung. Man will ja Wellen brechen - oder war das wegen der Wellen brechen? Die später gezeigten Videos zeigten jedenfalls, dass es Käpt'n Uwe, Steuermann Timo und Schiffsjungen Tobi tierisches Vergnügen bereitete Andrea, welche im Bug saß, mit gezielten Manövern über Wellen, ordentlich rumzuschubsen. Am liebsten rauf und runter. Scheinbar hatten alle Spaß - auch Andrea.

Ich glaube fast alle bestellten sich im Lokal am Hafen irgendwas aus dem Wasser. In den verschiedensten Variationen. Edgar bekam eine riesige Suppe voller Muscheln, Dieter hatte Nudeln mit irgendwas, was am Vortag noch schwamm, Helmuth versuchte sich an einer Fischplatte und ich dachte, wenn ich schon mal in Italien (Sardegna non est Italia!) bin, könnte ich mir ja mal so ein sündhaft teures Carpaccio leisten. Dass es sowas auch aus fein gehobelten Tintenfisch gibt, war mir neu. Ich sollte vielleicht doch mal Italienisch lernen. Wobei - dann gibt es nicht mehr so lustige Überraschungen.

Halshoden

Heute Nacht war Marinos Fähre gebucht. Es hieß für ihn langsam Abschied von der Insel zu nehmen. Bis auf Tobi und mich entschlossen sich alle Marino ein Stück gen Norden zu begleiten. Alle waren schon ausgeflogen, als Sandy und Micha erschienen. Man stelle sich vor - auf Moppeds. Sie hatten den Plan eine Grotte in der Nähe der Passhöhe der SS125 zu besuchen. Das war ja nicht so weit, da konnte man doch glatt mal mit fahren. Die mir eigene Klaustrophobie hab ich glatt vergessen. Wir fuhren also ganz gemächlich über Baunei gen Passhöhe. Ich wollte mir das Spektakel von hinten angucken und sortierte mich hinter Sandy ein. Das war gar nicht so einfach, denn sie hielt spontan mitten auf der Strecke, um sich mal wieder die Kupplungshand zu schütteln. Da kullerte ich eben vorbei. Ist ja nicht so, dass ich den Trick mit dem plötzlich rausfahren und die anderen vorbeifahren lassen nicht kenne, hab's ja schließlich selber am Valvestino erfunden. Ich konterte einfach dadurch, dass ich mich in einem Weglein versteckte, den Klapphelm öffnete und erst mal eine Zigarette ansteckte. Als Sandy vorbei kam, bin ich auch wieder langsam losgefahren. Das Spielchen haben wir wohl 2x gemacht und als es dann leicht zu tröpfeln begann, hatte ich keine Lust mehr eine zu rauchen und bin einfach mal weiter gefahren.

Knapp vor der Abzweigung nach Urzulei traf ich auf Micha und Tobi, die gerade dabei waren mit einigen Spanferkeln zu spielen. Es waren recht leichtsinnige Ferkel, hoppelten sie doch recht munter kurz nach einer Rechtskurve auf der Staatsstraße herum. Glücklicherweise war die Straße feucht und ich kam recht unmotiviert um die Ecke. Anhalten war somit kein Problem. Ich stellte meine Miezekatze zu den beiden anderen Moppeds und betrachtete auch mal die Schweinchen. Eigentlich sahen sie ja aus, wie solche Grundnahrungsmittel eben aussehen. Aber eine Besonderheit hatten sie doch. Rechts und links am Hals hingen so kleine schwarze Beutelchen und es hatte den Anschein, als seinen darin Steinchen oder Nüsschen. Wir kamen dann zu dem Schluss, dass männliche sardische Schweine die Hoden am Hals tragen, um den Sauen so besser ihre Eignung zur Fortpflanzung zu zeigen. Im Endeffekt geht es da wohl bloß um schnöden Sex.

Inzwischen regnete es etwas mehr, wir standen immer noch an der Abzweigung, die Ferkel leckten unsere Reifen ab und Micha war sich gar nicht mehr so sicher, ob das wirklich der Weg zur Grotte war. Hinzu kam die Ungewissheit über die weitere Beschaffenheit der Straße. Wenn schlecht, dann viel Kupplungseinsatz und Sandys Handgelenk schmerzte eh schon - also drehten wir um. Als wir zurück kamen war es wieder trocken und wir hatten immerhin rund 60km mit dem Motorrad zurückgelegt.
Der Rest trudelte auch irgendwann ein und meinte kaum nass geworden zu sein. Ein bisschen feucht muss die Straße aber wohl gewesen sein, denn Edgar bemerkte, dass er aufgrund von Uwes Performance wohl das nächste Mal auch den MPR2 probieren wolle. Im übrigen Edgar: Dieser Reifen hält wesentlich länger als ein BT10 bei gleicher Fahrweise mit genauso vielen Rutschern - ich überlege auch schon. Irgendwo hinter Bitti wurde Marino verabschiedet. Er rief dann später von der Fähre aus an und versicherte uns, dass er gut angekommen sei. Er habe allerdings gemerkt, dass er seinen Rückenprotektor in Bitti im Café vergessen habe und ob wir die Tage mal danach gucken könnten. Ich frage mich immer noch, wie er das bemerkt hat. Ist es in Olbia kühler geworden und es zog plötzlich am Rücken?

Zum Abendessen wurde wie viele Male schon zuvor wieder gegrillt. Uwe klinkte sich aus, denn er wollte die Retter Anke und Andy schick zum Essen ausführen als Dank für die Rettungsaktion am Grasgässchen. Zum Thema schick - wer hat schon im Moppedurlaub Bundfaltenhose und weißes Hemd dabei? Gut, Hemd kennen wir von Edgar aus dem Trentino, als wir ihn fragten ob er noch zu einer Konfirmation müsse, aber Bundfaltenhosen?

Wir speisten vom Grill und später stieß Uwe mit den beiden Samaritern auch zu uns auf die Terrasse. Sie kamen gerade aus dem La Bitta - eine feine Küche, wenn ich mich recht an den Mai erinnere. Ich glaube, es war der Abend an dem wir die Belastbarkeit unseres Tisches testeten. So viele Flaschen auf einmal hat er vermutlich noch nie zu tragen gehabt. Entsprechend ausgelassen war die Stimmung. Andy und Anke integrierten sich hervorragend in unsere Gesellschaft und ich stellte fest, dass ich Andy von früher her kennen müsste. Er war einer von denen mit welchen ich damals auf Guns'n Roses Konzert in Würzburg war. Einer von den anderen hunderttausend. Das Jungvolk beschloss dann mitten in der Nacht noch eine Runde im Meer baden zu gehen. Nein Bobby, du brauchst dir jetzt nichts einzubilden nur weil du dabei warst - du bist nicht mehr Jungvolk, das sind die anderen beiden. Irgendwann klinkte ich mich dann aus. Uwe blieb mit den Gästen bis zum Schluss und brachte sie auch noch heim. Dass es in Tortoli des Nächtens Alkoholkontrollen gibt, war für Uwe wohl eine heftige Überraschung. Glücklicherweise hatte er ja kaum was getrunken. So beließen es die beiden Carabinieri dabei einen Blick auf seine Papiere zu werfen und ihm noch eine gute Fahrt zu wünschen. Uwe brachte dann die Retter noch zu ihrem Schlafplatz und war sich dann selber nicht mehr ganz so sicher, ob nicht die beiden Ordnungshüter einer Fehleinschätzung seines Zustandes unterlagen und wählte deshalb einen weiträumigeren Weg zurück zum Domizil. Der Tisch sollte erst am nächsten Morgen abgeräumt werden.

Viel Wind

Der Tag begann erst mal mit einem Anschiss. Natürlich hatten wir in unserem Zustand den Tisch Nachts nicht mehr abgeräumt. Die Gefahr alle Flaschen umzuschmeißen und alle zu wecken wäre einfach zu groß gewesen. So war Andrea bei meinem Erscheinen schon damit beschäftigt halb volle Bierflaschen zu entsorgen und Helmuth motzte über den vielen Lärm in der Nacht. Er hatte das Pech und wollte im Zimmer neben der Toilette schlafen. Viel Bier erzeugt eben viel Druck und wir gaben uns die Klinke in die Hand.

Es war wohl der stürmischste Tag der Woche. Der Wind pfiff ordentlich vom Meer herauf. Aber mir war trotzdem nach Mopedfahren. Irgendwie eine kleine Runde in die Berge. Tobi wollte auch ein wenig Frischluft schnappen, Uwe schlief nach seiner nächtlichen Odyssee noch im Reich der Träume, Edgar und Dieter war nach ein wenig Fotoshooting und auch Helmuth holte noch ein wenig Schlaf nach.

Andrea wollte shoppen gehen. Wie von einem Magnet wurde sie von einem kleinen Laden in Tortoli angezogen, welcher eine gelbe Jacke im Sortiment hatte. Sie hatte dir Jacke schon Tage zuvor entdeckt, war aber von dem Preis von rund 400€ doch ein wenig abgeschreckt worden. Aber sie musste da unbedingt noch mal hin. Ich mein Skiklamotten kauft man eben an den exotischsten Orten - ich hab meine Garnitur auch aus Kalifornien. Um es vorweg zu nehmen, im Laden wollte Andrea noch ein wenig über den hohen Preis feilschen. Dass in der Nähe des Garderobenständers ein Schild mit der Aufschrift "Jacken auf 65€ reduziert" hing, bezog sie nicht auf diese tolle Jacke. Die Verkäuferin war ein wenig irritiert und wollte mit dem Preis nicht runter gehen und meinte diese Jacke sei doch schon reduziert. Im Endeffekt war Andrea aber hoch erfreut diese Fila Jacke für 65€ zu erstehen.

Tobi und ich waren inzwischen über Lotzorai Richtung Talana unterwegs. Edgar hatte die Strecke hoch gepriesen, die ersten km waren allerdings ziemlich langweilig und wir kämpften gegen heftige Böen. Doch dann entpuppte sich das Sträßchen als der wahre Traum. Wenn nur der Wind nicht gewesen wäre. Ständig musste man sich gegen den Wind anlehnen. Richtig blöd wurde es wurde es, wenn in einer Kurve der Wind kurz nachließ. Da knickte dann das Mopped plötzlich weg und man durfte zugucken, wie man den Bock wieder hoch zieht. Spaß ist anders.

Von Talana dann hoch auf das Sträßchen Richtung Kuhscheissepass. Da oben war es dann richtig schattig. Während einer kurzen Zigarettenpause beschlossen wir die heutige Runde kurz ausfallen zu lassen, bei Lanusei wieder den Berg runter zu fahren und am Hafen nach einer Bar zu suchen, um ein kleines Bier zu trinken. Vorher sahen wir uns noch die roten Felsen von Arbatax an.

Weil Dieter und Edgar einige Tage zuvor von dem tollen Dampfstrahler in Tortoli geschwärmt hatten, probierten wir es auch mal aus. Wirklich beeindruckend diese Reinigungskraft. Wenn es so was bei uns auch geben würde, wäre mein Moped wohl auch öfters sauber. Aber vermutlich verstößt der verwendete Reiniger gegen geltende deutsche Umweltvorschriften - schade eigentlich. Dieter wollte schon einige Kanister importieren.

Wieder zurück in der Wohnung vernahmen wir, dass Edgar und Dieter unbedingt noch einige Souvenirs einkaufen gehen wollten. So ein Andenken wäre schon was. Und so stürmte ein Konvoi von Motorrädern nach Lanusei und plünderte einen T-Shirt laden. Da gab es so tolle Motive.

Sandy, Micha und Andrea waren am Nachmittag noch in der Stadt gewesen und haben ihrerseits einen Einkaufsbummel unternommen. Nach den Einkäufen wollten sie noch in ein Café schlendern. Dort angekommen hatte Sandy Kreislaufprobleme, aber glücklicherweise legten die sich im Laufe des Tages wieder. Da man das da noch nicht wusste, wurde vorsorglich wurde nach einem Arzt gefragt. Kann man ahnen, dass gleich drei Sarden das Handy zücken und die Ambulanz rufen? Mit der Koordination haben sie es allerdings nicht im zuständigen Hospital von Lanusei. Plötzlich standen zwei Krankenwagen da. Vielleicht arbeiten sie ja auch auf Provisionsbasis. Ich mein bei Doris waren ja auch 3 Fahrer bzw. Begleiter auf dem Transit.

Andrea flitzte los und holte den BMW, lud Micha noch flugs ein, der nicht im Krankenwagen mitfahren durfte und folgte selbigen. Zuvor rupfte Micha aber noch den an der Scheibe hängenden Strafzettel wegen falsch Parken ab. Mal sehen, vielleicht kommen ja noch welche nach, denn bei der Verfolgung des Sanker wurden selbstverständlich alle Rotlichtzeichen ignoriert - bis jetzt ist jedenfalls nichts da.

Nach einiger Zeit wurde Sandy wieder entlassen und konnte noch den restlichen Tag genießen.
So hatten es alle Mopped fahrenden Mädels in diesem Urlaub geschafft einen Krankenhausbesuch einzulegen. Den ADAC wird's freuen. Andrea war sogar zweimal da. Als Dolmetscherin - aber dafür hat sie ja jetzt eine gelbe Jacke - ein gelber Engel sozusagen.

Heimreise I

Sardinien hat einen gewaltigen Haken. Dem aufmerksamen Leser kann ich nur empfehlen, da nie hin zu fahren. Das Blöde ist nämlich, dass Fähren die einen auf die Insel fahren auch irgendwann zurück kehren. Irgendwie ist man dann moralisch verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Reederei nicht pleite geht und auf der anderen Seite - wenn gleich mich das als Egoisten nicht motivieren würde - anderen wieder Platz zu machen auf der Insel. Heute war Ulm und Bobby dran die Heimreise anzutreten.
Bobby hielt nicht viel von der Idee, Biggi alleine mit Corsa und Hänger bis Olbia fahren zu lassen. Statt mit uns noch eine gemütliche Runde durch die Berge zu drehen, lud er lieber auf.

Andrea lud auch auf. Sie versuchte es. Ich weiß nicht, ob es an der neuen gelben Jacke oder anderen Souvenirs lag, die Tasche war auf jeden Fall gewaltig. Mit vereinten Kräften entwickelten wir ein erfolgversprechendes Konzept zur Verzurrung der Tasche. Alles nicht so einfach.

Dann ging es los und die auf der Insel Verbleibenden begleiteten die Reisegruppe ein Stück.
Zunächst befuhren wir die SS125. Irgendwo in der Nähe der Passhöhe stoch mir ein scharfer Geruch in die Nase. Hatten doch etwa drei Ferkel ihre Schweinesuhle direkt neben der Straße angelegt. Darüber hinaus hatten sie sich auch noch einen Tarnanzug aus Schlammscheiße angelegt. Ich muss zugeben, ich habe die Ferkel erst gesehen, als ich quasi schon daran vorbei war. Für die Zukunft werde ich mir also merken, nicht nur die Augen und Ohren, sondern auch die Nase als Organ der Verkehrssicherheit gezielter einzusetzen.

Auf der Passhöhe machten wir Halt und begegneten wir einem Pärchen, welches gerade von einem vorwitzigen Schwein in die Flucht geschlagen wurde. Dabei war dieses Gourmetstück doch eigentlich nur dabei zu betteln. Zugegeben, ein wenig penetrant, aber eigentlich ganz lieb. Mit einer stoischen Selbstsicherheit trottete das Tier immer wieder über die Straße, vollends sicher, dass ihm nichts passieren könne. Naja, mit der gleichen Taktik ist meine Oma auch fast 90 Jahre alt geworden.

Wie zuvor durfte ich wieder die Gruppe anführen. Heute ging es ein wenig entspannter zu. Helmuth meinte später auch, Dieter sollte immer mit Zusatzgewichten ausgestattet werden, das wäre den Erfolgserlebnissen sehr förderlich. Ein Einwand, den ich gerne unterstreiche.

Via Dorgali erreichten wir eines der Sträßchen, welches nach Lula führt. Genial. Eine Kurve nach der anderen, ein Radius toller als der andere, zwar hin und wieder ein Radfahrer auf der Gasse, aber kein Vergleich zu dem Gewusel in den Alpen. Für Timo und Uwe war ich allerdings zu langsam. Für mich hatte das den Anschein, als hätten sie nicht mal richtigen Ehrgeiz entwickeln müssen um mich zu kassieren. Aber toll, dass ich mich schon wieder auf sich auflösende Reifen rausreden konnte. Dieter griff die Idee auf und meinte, seine müssten schließlich noch bis Ulm reichen. So wie die PiPos aussahen, war das schon optimistisch. Bin mir aber sicher, er hat es wieder mal irgendwie damit geschafft.

Von Lula über das Grassgäßchen nach Siniscola, Dieter machte da noch einige hübsche Landschaftsaufnahmen und posierte als Gipfelkreuz, suchten wir uns da noch eine Bar zum Abschiedscappuccino. Tolle Sandwiches gab es da auch noch - zu Timos Entzücken allesamt mit Schinken und Käse.

Hier trennten sich unsere Wege, Uwe, Timo, Helmuth und ich befuhren die SS125 diesmal in umgekehrter Richtung und Edgar, Andrea und Dieter machten sich auf zu Fähre nach Olbia.

Montag

Jetzt war es schon fast wie bei den 10 kleinen Negerlein. Das Nachbarhaus war leer, die Honeymoonsuite des Geschwisterpaares geräumt und Familie Yab war auch schon wieder zu Hause. Bei Tobi machte sich eine gewisse Lethargie breit. Er wollte schon wieder zum Strand. Ob er mit einer gesunden Bräune seine Freundin beeindrucken wollte? Timo und Helmuth drückten sich auch, daher beschlossen Uwe und ich in den Süden zu fahren. So richtige Motivation fürs Fahren kam allerdings nicht auf. Uwe wollte die Landschaft genießen und ich meine Reifen schonen. Wir bildeten die perfekte Symbiose.

Mit dem Reifen schonen war es allerdings nicht weit her. Aufgrund des gemütlichen Tempos hatte ich die Muse zu bewundern, wie Uwe genüsslich in jeder Kurve schwarze Striche auf den Asphalt zauberte. Unglaublich! Und das bei diesem Gekullere. 2CT ist bei diesem rauen Belag wohl doch nicht so zum Sparen geeignet. Jetzt hatte ich langsam eine Ahnung davon, wohin mein Gummi die letzten Tage entschwunden war.

So richtig weit waren wir noch nicht gekommen, als Uwe schon nach einem Cappuccino dürstete. Er fand ein schmales Gässchen mit einem Wegweiser, der wohl zum Meer führte. Er konnte ja nicht ahnen, dass dort das italienische Militär sein Ferienlager aufgeschlagen hatte. Ohne Passierschein hatten wir keine Chance an die Strandbar zu kommen. Naja, die Chance da Mädels zu sehen, wäre ohnehin recht gering gewesen. Kurz vor Villasalto schlug Uwe den Weg zum Meer ein. Knappe 3km stießen wir auf das, was früher wohl mal ein kleines Fischerdorf war. In den letzten Jahren zog dort wohl der Tourismus ein. Ein komplettes Feriensilo. Aber nett.

Zumal diese Strandbar mit Wind- und Sonnenschutz aus Palmwedeln einen Hauch von Barcardi Feeling verströmte. In der Zwischensaison wirklich nett da. Der Cappuccino war ein wenig trocken, drum spülten wir mit ein klitzeklein wenig Ichnusa nach während wir den wogenden Wellen beiwohnten und unseren Blick über das schier endlose Meer schweifen ließen. Irgendwer hat mal behauptet, dass Alkohol sich auf die Fahrtüchtigkeit auswirkt. Wenn er damit meinte, dass man alle Nase lang anhalten muss um die Blase zu entleeren und ansonsten eine Geschwindigkeit um die 90 wählt um die Landschaft aufzusaugen, dann hatte er wohl recht. Bei einem Tempo knapp schneller um nicht von einem LKW überholt zu werden hat man dann mal die Möglichkeit die Augen rechts und links schweifen lassen, die kleinen verschlungenen Wege, die verschwiegenen Hügel mit karger Landwirtschaft zu entdecken. Noch reichlicher natürlich das Vieh.

Am Ortsausgang von Perdasdefugo war der halbe Ort auf der Straße. Alles strömte. Zwei Kurven weiter trafen wir auf eine noch größere Gruppe, begleitetet von einem Priester und beschützt von einem Carabinieri. Uns wurde angedeutet langsamer zu fahren. Ich hoffte inständig, dass es sich um eine Prozession und nicht um eine große Verkehrskontrolle. Ich hatte recht. Knapp ein Kilometer weiter hörten wir zunächst Reifenquietschen, dann Hupen, sahen dann wie uns sportlich ein Ordnungshüter mit Blaulicht um die Ecke kam um den Weg für den ihm folgenden Pickup zu bahnen, welcher eine bedenklich schwankenden Madonna auf der Ladefläche transportierte. Seinen heiligen Auftrag untermalte er mit Chorälen, welche lautstark aus den angebrachten Lautsprechern dröhnten. Vorsichtshalber fuhren wir mal rechts ran, um uns dieses Spektakel genauer anzusehen. Bestimmt 100 Autos - mehr hatte wohl auch der Berufsverkehr in Tortoli nie zu bieten - folgten hupend der Madonna. Von Jung bis Alt fuhr jeder mit. Auch der Erstbesitzer eines 60er Jahre Alfas, der gerade noch über das Lenkrad gucken konnte. Beeindruckend so ein tiefer kulturell verwurzelter Glaube.

So kullerten wir weiter an den Windmühlen der Hochebenen vorbei, passierten Jerzu zur Linken und liefen bei Osini auf einen Linienbus auf. Der aufmerksame Mopedfahrer hat sicherlich schon mal einen halben Herzinfarkt bekommen, wenn in einer Kurve plötzlich mal so eine blaue Schrankwand vor ihm stand. Weil wir ein wenig verträumt ein, zwei Gelegenheit den Bus zu überholen ungenutzt vorüber ziehen ließen, ging der Busfahrer wohl davon aus, wir hätten kein Interesse an zügigem Vorankommen. So hatten wir nun Gelegenheit zu beobachten, was so ein Bus zu leisten in der Lage ist. Vor einer Rechtskurve wurde mal hurtig auf die linke Spur gewechselt, um die Kurve exakt im Scheitel anzugehen und dabei eine beeindruckende Neigung des Busses zu erzwingen. Ein Quietschen der Reifen konnte ich nicht vernehmen, vermutlich hatte ich aber aufgrund dieser Aktionen so viel Respekt, dass mein Sicherheitsabstand zu groß war, um diese Akustik noch wahr zu nehmen. So fuhren wir rund 10km hinter dem Bus her, an Überholen war nicht mehr zu denken. Das wäre auf der kurvenreichen Strecke in meinen Augen einem Selbstmordversuch gleich gekommen. Es mag an der erhöhten Sitzposition liegen, dass der Fahrer mehr Übersicht hatte, vielleicht auch an dem geringen Verkehrsaufkommen und dem beherzten Bremsen der Entgegenkommenden, dass es zu keiner Kollision kam. Ich tippe aber eher auf viel Glück, schließe aber nicht aus, dass der Bus zuvor von der ihm entgegenkommenden Madonna gesegnet gewesen sein könnte. Kurz vor Gairo fanden wir dann Gelegenheit diesen blauen Unheilsbringer zu überholen. Seitdem versuche ich - meist erfolgreich - die Erinnerung an dieses Beförderungsmittel zu verdrängen. Anders wäre ein zügiges Fahren auf solchen Straßen auch nicht denkbar. Wenn ich mal die Muse finde, dann stelle ich mal das Video von diesem Bus online.

Ahoi

Am Vorabend war beschlossen worden, aufgrund der tollen Erlebnisse beim ersten Mal, ein weiteres Mal auf das Mopped zu verzichten und statt dessen in See zu stechen. Es waren schon wilde Pläne geschmiedet worden, wo man welche Boote mieten könne, welche wohl die meiste Leistung haben würden. Lediglich Helmuth wollte sich drücken. Er murmelte was von Rücken und ungesund, erwähnte noch beiläufig, dass es im Norden einen Strand gäbe, der genial zum surfen sein soll. Was für Hobbys die Leute haben. Jedenfalls wollte er sich den schon mal anschauen. Andrea hatte wohl zu intensiv von ihren Erlebnissen an Bord berichtet.

Es wurde definiert, wer mit wem in einem Boot fahren solle - Uwe hatte scheinbar Bedenken, zu viel Zusatzgewicht ins Boot zu bekommen. So standen die jeweiligen Besatzungen schnell fest. Uwe, sollte mit Leichtmatrose Toby und Rennbootsteuermann Timo auf das eine Boot, Sandy und ich durften mit Konteradmiral Micha die zweite Mannschaft bilden.

So wurde in der Früh erst mal der Picknickkorb, bestehend aus Sonnencreme, Bier, Zigaretten und Rotwein gepackt. Alles wurde in den Za4a geladen und es ging ab zum Hafen. Dass italienische Touristen schon so früh auf den Beinen sind war nicht vorauszusehen. Am Vorabend war der Gedanke an eine Bootsreservierung verworfen worden mit der Begründung Zwischensaison. Jetzt standen wir am Bootsverleih von Arbatax und durften zusehen, wie irgendwelche Italiener uns die Boote direkt vor der Nase wegschnappten. Das waren bestimmt nur 5 Minuten Vorsprung gewesen. Ärgerlich. Kurzzeitig wurde der Gedanke des Enterns in Betracht gezogen. Wir waren uns ziemlich sicher, dass wir stärker gewesen wären, wussten allerdings nicht, wie der Bootsverleiher darauf reagiert hätte. Er muss es uns wohl an der Nase angesehen haben und verriet uns, dass in St. Maria Navarese auf der anderen Seite der Bucht ein weiterer Verleih sei. Also machten wir es uns zu viert wieder auf der Rückbank des Rüsselsheimer Luxusliners bequem und besuchten den kleinen, verträumten Ort. Tatsächlich lagen da jede Menge schnuckeliger Schlauchboot auf den Liegeplätzen.

Micha hatte schon Tage vorher interessante Thesen über Zuchtsardinnen aufgestellt. Seiner Ansicht nach dürfen diese eine gewisse Größe nicht überschreiten, wobei diese lokal variiert. Zudem müssen sie ausgesprochen schlank sein. Diese hohe Kunst sei seiner Beobachtung nach auf Sardinien perfektioniert worden. Die idealen Sozias eben.

Genau eine solche stand nun vor uns am Verleih. In perfektem Deutsch erklärte sie uns was wir mit dem Boot machen dürften und was nicht, wohin wir fahren dürften, wie weit der Sprit so reicht und so weiter. Dann führte sie uns zu den Booten, machte sie für uns startklar und sprang behende wie eine Gazelle von einem Boot zum anderen. Ich war mir sicher, sie sei auf einer Yacht aufgewachsen.
Nach der Bootsübernahme fuhren wir unter Einhaltung der genannten Regeln aus dem Hafen und kaum waren wir außer Sichtweise gab es Vollgas. Was nun folgte, war in höchstem Maße demütigend. Uwe stand wie Käpt'n Ahab neben dem Steuermann Timo und fuhren im wahrsten Sinne des Wortes Kreise um uns. Sie kamen Backbords schräg von hinten an gebraust, drehten kurz vor der Kollision bei, spritzen uns noch sauber voll, zogen die Wende voll durch, preschten dann über unsere Heckwelle um dann wieder von Steuerbords anzugreifen. Erwähnte ich übrigens, dass wir Vollgas fuhren?

Wir hatten also das Rentnerboot erwischt. Nach kurzer Beratung kamen wir zu dem Schluss, dass wir uns diese Demütigung nicht länger gefallen lassen wollten. Wir drehten bei und nahmen wieder Kurs auf den Bootsverleih. Entweder sollten sie den Kutter tunen, oder uns eins von den anderen geben. Schließlich hatten wir genauso viel bezahlt wie Uwes Crew für das Schnellboot.

Die Sardelle zeigte sich verständnisvoll, wollte das aber erstmal selber ausprobieren und fuhr zu diesem Zweck mit uns noch mal aufs Meer. Ich glaub allein das war es schon wert, das schlechtere Boot bekommen zu haben. Die zierliche Frau am Steuer zog mit uns einige Runden durch die Bucht. Sie akzeptierte unsere Reklamation und versuchte uns ein anderes Boot zu geben. Was gar nicht so einfach war, denn irgendwie waren sie alle ein wenig defekt. Naja, die Saison war ja schon rum.

Schließlich fand sich doch noch ein Boot, dass auch tatsächlich ansprang und wir fuhren den anderen wieder hinterher. So richtig viel besser als das erste war es allerdings nicht. Erst als wir den Trick mit der richtigen Trimmung des Ruders herausgefunden hatten, waren wir nicht nur noch Opfer.

Nun fingen die Tricksereien an und wir versteckten uns in einer Bucht, um von dort aus einen Überraschungsangriff auf Uwe zu unternehmen. Ein vergnüglicher Nachmittag, wir fühlten uns ein klein wenig wie Piraten. Ging das Bier trinken bei dem Gerüttel noch relativ einfach (man musste nur aufpassen, sich mit der Bierflasche nicht die Zähne auszuschlagen), war Wein trinken aus dem Becher ungleich schwerer. Abwarten bis sich das Boot nach dem Sprung über eine Welle stabilisiert hatte und schnell den Becher kippen. Wenn der Steuermann allerdings just in diesem Moment eine Wende einleitet, dann gibt es eine riesige Sauerei. Das halbe Boot war voll von roten Spritzern und es sah aus als hätte soeben eine Sau ihr Leben aus gehaucht. Mein weißes T-Shirt sah auch nicht viel besser aus. Ich erinnerte mich, dass Salz gegen Rotweinflecken helfen soll. Gut, Salz direkt hatten wir nicht, aber im Wasser sollte ja mehr als genug davon sein. So gab es an diesem Tag die Premiere, dass ich freiwillig ins Wasser ging. Das aus dem Wasser wieder raus gestaltete sich allerdings deutlich schwieriger, als ich dachte. Man macht sich ja kein Bild davon, wie hoch so eine Seitenwand eines Schlauchbootes ist. Aber dank der tatkräftigen Mithilfe von Micha musste ich nicht ertrinken.

Dann liefen wir irgendeinen Strand an, breiteten unsere Tücher aus und lästerten erst mal über die anderen Badegäste. Rocker halt.

Wie es der Zufall wollte, befand ich mich dann nach dem Ablegen auf Uwes Boot. Ich glaube Micha begrüßte das, hatte er ja jetzt weniger Ballast an Bord. Timo fuhr mit dem Boot wie mit dem Mopped. Rücksichtslos. Keine Welle war ihm zu klein um nicht drüber zu springen. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte ich alle Hände zu tun mit irgendwie festzuhalten.

Was hatte die Sardelle noch gemeint, wie weit man mit dem Sprit käme? Bis zu dieser einen Bucht im Norden und wieder zurück und dann hätte man noch einige Liter als Reserve? Naja, besser mal in Arbatax an die Tankstelle. Die hatte aber gerade Siesta und Uwe war sich ziemlich sicher, dass die Reserve noch reicht. Zumindest für einen Abstecher in die Bucht von Porto Frailis. So schauten wir uns noch das La Bitta von Seeseite aus an und machten uns dann auf den Rückweg nach Santa Maria Navarese. So knapp vor der Einfahrt in den Hafen von Arbatax gab der Motor erst ganz komische Geräusche von sich und dann gar keine mehr. Sprit alle. Die Sardelle hatte wohl nicht damit gerechnet, dass man ständig Vollgas fährt und dann auch noch den Weg verdoppelt, weil man so viele Schlangenlinen fährt. So ein Handy funktioniert jedenfalls auch auf dem Wasser und Micha wurde angefunkt uns zu bergen bzw mit Sprit zu versorgen. Er hatte das Boot schon abgegeben, bekam es allerdings wieder mit einem Reservekanister für uns havarierte.

Bis Micha kam, versuchte ich noch mit dem Ruder ein wenig in die richtige Richtung zu steuern. Ein aussichtsloses Unterfangen. Meinen hohen Respekt an die Galeerensträflinge. Nach einiger Zeit erschien dann Micha. Anstatt uns gleich mit Sprit zu versorgen, drehte er erst mal eine Runde um uns. Und noch eine. Als er dann mit den Fingern mitzählte und dreckig grinste, war mir klar, was da gerade passierte. Dies war die Retourkutsche für die vorangegangene Demütigung. Nach der fünften Runde kam er längsseits und meinte "Jetzt sind wir quit :-D".

Dann wurden die Boote abgegeben und es ging zurück zur Wohnung. Für Helmuth ging der Nachmittag nicht so vergnüglich aus. Auf dem Weg zum Traumstrand, so knapp hinter Bitti, hatte er nach einer Rechtskurve eine Begegnung der anderen Art. Ganz gemütlich sei er gefahren, meinte er. So hundert vielleicht. Als er dann die Rotte "Wild"schweine auf der Fahrbahn sah, knechtete er noch sein ABS, aber irgendwie hat es diesmal nicht mehr gereicht. So ein Schwein ist halt doch anders gebaut als ein Reh und man kann nicht einfach durchfahren. So fuhr er nach eigenen Worten eins dieser Schweine an und kam durch den Aufprall nach links von der Straße ab, fing das Motorrad noch im Graben und blieb dann an einem Stein hängen.

Ob Stein oder Schwein, die Gabel war jedenfalls reichlich krumm, die Felge war auch nicht mehr gut und die Verkleidung hatte auch was abbekommen. Aber er schaffte es noch aus eigener Kraft bis Arbatax. So bis 50kmh ging es meinte er. An diesem Abend feierte er mit uns noch mal Geburtstag und wir bemühten uns, die Ichnusa Vorräte zu vernichten.

Der lange Tag

Schon bevor im Mai die Wohnungen in Arbatax gebucht waren, war in Erwägung gezogen worden an der Ostküste Quartier zu beziehen. Damals hatte ich mit einem Verweis auf die geographischen Begebenheit (Berge und so) heftig interveniert und mich schließlich auch durchgesetzt. Gesehen hatte ich die Ostküste bis dahin noch nicht, aber ich hab einfach mal geglaubt was ich so in Foren, Berichten usw. gelesen hatte. War dann ja auch nicht so schlecht gewesen. Aber wie das so immer ist mit der Abenteuerlust, so ganz glauben will man das ja nicht, wenn man es nicht selber gesehen hat. Besonders Uwe scheint da gewisse Zweifel gehabt zu haben und definierte dass wir an diesem Tage mal gucken sollten, ob das Meer auf der anderen Seite der Insel genauso nass ist. Toby war sofort mit von der Partie und ich ließ mich auch nicht lange bitten. Schließlich war noch so was wie Profil auf meinen Reifen und irgendwie hoffte ich, dass auf der anderen Seite weniger Kurven sind, damit ich die Mitte des Reifens auch mal nutzen kann. Timo haderte kurz ob er mit solle, aber nachdem sich heraus kristallisierte, dass wir heute wohl nicht voll angasen würden, war er der Ansicht, dass ein Tag am Strand sicherlich aufregender sei, als mit uns Mopped zu fahren. Micha und Sandy hatten eine andere Ausrede. Und Helmut? Der schied aufgrund der Ereignisse des Vortages leider aus.

So machten wir uns als Trio zeitig auf die Reise. Es sollte ja eine lange Strecke werden. Wir sind bestimmt schon um zehn oder so losgefahren. Zunächst ging es erst mal über unsere Hausstrecke. Lanusei, Geisterstadt, man kennt das ja inzwischen. Kurz nach dem Lago Flumendosa bog dann Uwe ab und ich verlor prompt die Orientierung. Kaum ist man mal ein Jahr mit Garmin gefahren, verlernt man die einfachsten Künste der Navigation. Dabei hätte ich viel Zeit gehabt auf die Karte zu schauen, denn die Strassen wurden urplötzlich gerader und die Anzahl der Kurven nahm ab. Es waren schon noch welche da, aber es war halt mehr wie daheim. Wir fuhren sogar durch Wälder und jetzt wo ich auf die Karte gucke, muss es wohl die SS442 gewesen sein. Aber da kann ich mich auch täuschen.

Jedenfalls merkte Uwe in der Nähe von Uras wohl, dass wir ein wenig unterfordert waren. Er musste auch gar nicht lange suchen und fand etwas zum Crosseln für uns. Eigentlich war das gar keine Offroad Piste, sondern eine normale Durchgangsstrasse, die so aus sah, als hätten ihr irgendwelche Banditen die Asphaltdecke geklaut. Punktuell standen da auch noch Baumaschinen rum, aber die waren wohl zu schwer zum klauen. Am geländegängigsten zeigte sich in diesem Fall Uwes 1200er, und der Tiger hatte keine Probleme Anschluss an die 600er zu halten. Das war auch gut so, denn der Strassenköter, der die 6er reißen wollte, bekam ob des Fauchens der Raubkatze doch Schiss und ließ von seinem potentiellen Opfer ab. Staubig aber wohlbehalten kehrten wir dann wieder auf festen Grund zurück und fuhren über Strassen, die wie mit dem Lineal gezogen waren zur Bucht von Santadi. Wir waren in einem Örtchen namens Marceddi und standen dann plötzlich an etwas, was wohl das Meer darstellen sollte. Ein Schott, oder wie man so einen Damm nennt, trennte einen Teil des Meeres ab. Von den Holländern ist man das ja gewohnt, dass sie solche Methoden zur Landgewinnung nutzen, in diesem Fall sah das eher aus, wie ein überdimensionaler Karpfenteich. Wir hielten es dann auch eine ganze Zigarette lang aus, bevor wir den Weg gen Oristano antraten. Nicht mal zu einem Cappuccino hatten wir Lust zu bleiben. Wir fuhren weiter durch die Quadrate nach amerikanischem Muster bis Oristano. Auf dieser Strecke sah ich dann auch den einzigen Blitzer bisher auf der Insel. Auch noch fest installiert. Wahrlich kein Ort zum Urlaub machen.

In einem Vorort von Oristano gab es dann doch noch den Cappuccino und das mittlerweile dringend benötigte Wasser. Es war heiß geworden.

Von Oristano aus orientierten wir uns wieder Richtung Hinterland. Ab Fordongianus begann die Sache wieder Spaß zu machen. Ob das an dem tollen Ortsnamen lag, oder an der wieder anspruchsvoller werdenden Streckenführung? Ein Stück vor Sorgono bogen wir dann ab nach Atzara und nahmen von da ab den Schleichweg nach Belvi bzw Aritzo. An Dieters Lieblingstankstelle gab es dann noch etwas Sprit. Ich steckte mir dann noch eine an um den anderen beiden durch den Ort hinterher zu kullernund trödelte ein wenig durch den Ort, wobei ich den Anschluss verlor. Irgendwie erwartete ich, dass an der Gabelung nach Gadoni abgebogen wird. Schließlich wollte Toby heute noch den bereits georderten Reifen montieren und es war ja doch schon ein wenig spät geworden. An der Gabelung standen aber keine Moppeds. Nur zwei Bauarbeiter. Ich versuchte von den beiden die Information zu entlocken, wohin die beiden anderen gefahren sind, weil ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie auf der Hauptstrasse geblieben sind um noch den großen Haken zu schlagen.

So kann man sich irren. Zumindest weiß ich jetzt wie sich Sprachunkundige fühlen, die mittels Sprachbrocken Information aus Einheimischen herausholen wollen. Ich fürchte die Bauarbeiter lachen heute noch.
Aufgrund der Aktion hatten die beiden anderen natürlich deutlich Vorsprung. Dass ich Uwe nicht mehr einholen konnte, war mir ziemlich klar. Ganz verblödet bin ich ja auch nicht. Aber dass es bei unserem Frühchen auch schon schwierig wird... wir sollten mal die Übungsstunden einschränken oder ich die Schwätzchen mit Einheimischen abkürzen.

Bei Laconi hatten wir die Chance auf Holz zu klopfen. Mit dem Vorderrad. Unmittelbar vor uns war ein Traktor aus einem Waldweg gekommen und hatte bei dem Manöver ein wenig von seiner Ladung abgeworfen. Zum Einheizen wären diese Scheite genial gewesen, genau zugeschnitten. Aber so mitten am Weg... das ließ das Adrenalin schon ein wenig strömen. Zumal dies organische Material nicht wie anderes Getier plötzlich von der Gasse hüpft, wenn es einen Motor nahen hört (machen sie fast immer - nur halt gestern nicht). Es war wohl mehr Glück, dass wir da einfach so durchgekommen sind.

Den Ort Serri erkannte ich wieder. Das war da, wo ich im Mai vergessen hatte auf Micha und Sandy an der Abzweigung zu warten. So was vergisst man nicht. Jetzt wusste ich wo es lang gehen sollte und hatte auch eine ungefähre Ahnung wie weit wir noch hatten. 110km sollte knapp danach am Schild stehen. Es war kurz vor 6 und Toby hatte noch einen Termin beim Moppedschuster. Naja, und ich wollte eigentlich auch noch fragen, ob er mich noch dazwischen schieben kann. Heiße Genussgetränke waren jetzt gestrichen. Zumal das natürliche Licht auch nicht mehr lange zur Verfügung stehen sollte. Aber zumindest bis Gairo schafften wir es bei Tageslicht. Hier wählten wir mal die andere Strecke, welche über Barisardo führt. Gar nicht mal so schlecht. Vor allem spart man sich hier die Ortsdurchfahrt von Lanusei. Kann man also durchaus empfehlen.

Es muss wohl 20 vor acht gewesen sein, als wir beim Reifenhändler nach 480km aufschlugen. Toby wurde gleich behandelt, ich allerdings auf den nächsten Tag vertröstet. So hatte ich noch Zeit, mich zwischen Pirelli, Pirelli und Pirelli zu entscheiden.

Während wir auf Toby warteten um in die Pizzeria zu gehen, erfuhr ich, dass Helmut und Timo uns auch am nächsten Tage verlassen wollten. Auch? Ja Uwe hatte schon am Abend zuvor die Fähre umgebucht, damit er am Freitag nach der Operation von Doris sie im Krankenhaus besuchen könne. Helmut wollte lieber zu Hause von seiner Freundin pflegen lassen. Kann man ja irgendwie verstehen, inzwischen tat ihm die Brust von dem Schweinerempler weh.

Als Toby dann kam gingen wir nach diesem langen Tag noch zur Pizza Gigante, gönnten uns aber diesmal lediglich die Kinderportion und ließen dann den Tag ausklingen.

Donnerstag

Wie bereits am Vorabend angekündigt, packten in der Früh Timo, Helmut und Uwe ihren Hausstand in die Fahrzeuge. Ich finde es immer wieder erstaunlich, was so alles in ein Auto passt und frage mich immer wieder, wie ich es früher geschafft habe mit Sozius und Zelt 4 Wochen Moppedurlaub zu machen. Gut, heute wende ich die Unterhose nicht mehr 2x, aber das alleine kann es eigentlich nicht sein.
Während Tobi und ich beim Reifenhändler standen, fuhr auch schon Timo an uns vorbei. Sie waren recht zeitig unterwegs, wollten vermutlich einen guten Startplatz an der Fähre ergattern. Tja, der frühe Vogel fängt den Wurm.

Ich hatte mich inzwischen entschlossen Pirellis aufziehen zu lassen. Geizig wie ich nun mal bin, nahm ich einfach das günstigste Paket. Schließlich war René seinerzeit mit dem Diablo auch recht flott unterwegs gewesen und was für ihn reicht, sollte für mich 3x langen.

Zum einkullern der neuen Reifen wählten wir wieder mal die Hausstrecke Richtung Geisterstadt. Wie gewohnt, war das Einfahren schon auf halber Strecke nach Ilbono Geschichte. Eigentlich wollten wir irgendwo bei Osini einen Cappuccino trinken, aber aufgrund der inzwischen aufgezogenen Wolken waren überall schon die Stühle nach innen geräumt. Zwar bekamen die Moppeds in Jerzu noch ein wenig Sprit, aber wir immer noch kein köstliches Heißgetränk. So zogen wir weiter nach Barisardo und fanden dort am Ortseingang eine von Einheimischen stark frequentierte Schänke. Die Sonne zeigte sich inzwischen auch wieder - ideale Voraussetzungen einen Cappuccino zu trinken.

Begeisternd finde ich bei solchen Lokalen mit welchen Zweirädern rüstige Rentner die Schenke aufsuchen. Neben uns hielt ein zahnloser 80jähriger, pflichtbewusst trug er einen Helm, den ich wohl nicht mal zum Hallenhalma aufsetzen würde, geschweige denn dass dieser irgendeine Art von Norm erfüllte. Sein Mofa hatte auch schon deutlich bessere Tage gesehen - geschätzt so vor 30 Jahren. Die steifen Glieder der Kette streiften schon am Boden und auch sonst war so ziemlich alles angerostet. Leicht schwankend trat er dann nach Einnahme seines Schoppens sein Gerät wieder an. Klappte auch aufs fünfte mal - ganz ohne umfallen. Ich weiß schon weshalb ich innerorts immer ganz vorsichtig fahre.

Wir wollten dann noch mal einen Abstecher nach Lanusei machen und wir fanden mitten in Barisardo einen Wegweiser dorthin. Mitten durch die Häusergassen führte der Weg. Ich muss gestehen, da will ich nie mit dem Hänger durchfahren. Ich hätte Angst einfach stecken zu bleiben. Wie kann man nur so einen Weg ausschildern?

Aber vielleicht ist das ja Absicht gewesen, damit nicht jeder Dödel da durchfährt. Denn die jetzt folgende Strecke war einfach nur genial. Schön eng, keine Gemeinheiten und Grip vom feinsten. Da wünscht man sich wirklich, dass das stundenlang so weiter geht. Die Strecke bekommt von mir glatte 5 Sterne. Ich bin die bestimmt nicht zum letzten Mal gefahren.

Irgendwann, eigentlich viel zu schnell erreichten wir Lanusei. Dachte ich bislang, die Ortschaft wäre nur wieder eins der vielen Bergdörfchen, welches durch einen Zufall der Geschichte Kreisstadt wurde , aber dennoch völlig unbedeutend war, wurde ich nun eines besseren belehrt. Die Stadt war ja mal richtig groß. Aus der falschen Perspektive - halt die, die wir immer hatten - waren die meisten Häuser völlig versteckt, die ganze Infrastruktur und das große Fußballstadion uneinsichtbar. Jaja, die Sarden sind schon ein cleveres Bergvolk. Die Häuser versteckt und wenn man doch mal hin findet, dann verläuft man sich. Kein Wunder, dass sie nie erobert wurden.

Von Lanusei sollte laut Karte via Arzana noch eine Strasse Richtung Villagrande gehen. Eins vorweg, für genussvolles Kurvensurfen ist die Strasse gänzlich ungeeignet. Direkt hinter Arzana geht es auf einen asphaltierten Feldweg, wobei der Asphalt den Vorteil hat, dass man die Reifen der vielen Einheimischen die jenen Schleichweg nutzen, frühzeitig hört, um sich rechtzeitig in Deckung zu bringen. Also zum fahren ist das nichts. Das haben wir gleich erkannt. Deshalb wurde der Blick mal kurz vom Asphalt gewendet und es bot sich ein grandioser Blick auf die Bucht von Arbatax. Toby nahm sich noch vor unbedingt noch mal hier hochzufahren, um ganz viele Bilder zu machen. Ich kann das durchaus verstehen.

Irgendwo war ein Abzweig nach links, da ging es wohl nach Villagrande. Da wollten wir aber nicht hin, hielten uns rechts und schon gab es keinen Verkehr mehr. Nachdem wir die städtische Müllhalde passiert hatten - dafür schämen sie sich glaub ich, denn das Gelände war so hoch eingezäunt, dass man von dem Schutt kaum was sehen konnte - ringelte sich die Strasse den Hang hinab und kreuzte immer wieder die Trasse der sardischen Einspurbahn. Bemerkenswert waren hier die liebevoll aufgestellten Stop Schilder vor den Übergängen mitten im Nichts. Wie gesagt, es gab keinen Verkehr. Rechts und Links der Strasse erstreckten sich an den Hängen Weinreben und Olivenbäume, gelegentlich von kleinen Hütten durchbrochen. So wie das Ganze arrangiert war, hatte ich das Gefühl, der Landschaftsdesigner hatte in seiner Kindheit Modelleisenbahn Landschaften gebastelt und nun sein Hobby zum Beruf gemacht. Sollten unter uns Jünger der Miniaturloks sein, kann ich nur empfehlen, genau da hinzufahren um sich Anregungen fürs nächste Projekt zu holen.

Irgendwo zwischen Ilbono und Tortoli trifft man dann wieder auf die Strasse, die wir schon hunderte Male (naja, fast) gefahren waren. Die Einmündung lag von Tortoli aus kommend, versteckt hinter einer Ruine. Kein Wunder, dass ich die nie gesehen hatte, bot doch diese kurze Gerade stets die Möglichkeit - durch beherzten Gaseinsatz - verlorene Meter auf die Spitzengruppe gut zu machen.

Beim Supermarkt kehrten wir beide noch kurz ein, um ein wenig totes Tier und Kohle einzukaufen. Wir waren ja jetzt auf uns alleine gestellt. Ich stellte fest, dass der Tiger hervorragend als Kohlentransporter geeignet war, wenn man den Sack zwischen Tank und eigenen S.. Bauch klemmte.

Später wurde das tote Tier noch verbrannt, der Durst mit einigen Bieren gelöscht und der Abend ging irgendwann zu Ende.

Freitag

Ein neuer Morgen im Junggesellen Haushalt. Irgendwie schafften wir es noch so etwas in der Art von Frühstück zuzubereiten. Daran hatten wir beim Einkauf des Vorabends selbstredend nicht gedacht. Nachdem Uwe die Kaffeemaschine einfach so mit genommen hatte, musste irgendwas anderes koffeinhaltiges als Ersatz her. Irgendwo im Schrank fand ich eine dieser typischen italienischen Druckkesselmaschinen, die heißen Dampf durch Kaffee pusten, wenn man sie mit Wasser gefüllt auf eine heiße Herdplatte stellt. Erstaunlicherweise konnte man das nicht nur trinken, sondern machte aufgrund meiner Überdosierung auch richtig wach.

Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube an dem Morgen kamen Micha und Sandy noch vorbei und fragten, ob wir sie in ein dunkles Loch begleiten wollten. Mir war, als leide ich unter Klaustrophobie und zog es vor nochmal den Korkeichenpass zu fahren. Warum soll man sich auch bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen in einer feuchten, muffigen und vor allem dunklen Grotte verkriechen? Toby dachte wohl ähnlich und wollte mich begleiten.

So kullerten wir Richtung Kuhscheissepass, nahmen hierzu die Abzweigung nach Villagrande um den Berg hochzufahren. Auf der alten 389 hatten wir noch vereinzelte Begegnungen mit Huftieren, die allerdings alle völlig harmlos waren. Im Mamuiada nahmen wir noch einen Cappuccino ein und ich muss zugeben, er mundete besser als die Brühe, welche ich zum Frühstück zubereitet hatte.

Frisch gestärkt fuhren wir nach Orgosolo und ich muss einräumen, ich war diesmal wirklich froh über die gemäßigte Gangart, die wir einschlugen. Ich kam über eine Kuppe und mir kam ein Traktor entgegen. An sich nicht schlimm, allerdings wurde er gerade von einem unwesentlich schnelleren Kleinlaster überholt. Aufgrund der Schleicherei konnte ich noch rechtzeitig bremsen und hatte sogar noch Zeit das freundliche Winken des Lasterfahrers wahrzunehmen. Ein herzliches Volk diese Sarden.
In Orgosolo wurde uns wieder mal bewusst, wie selbstsüchtig die Sarden zum Teil ihre Strassen versteckeln. Oliena war wohl ausgeschildert, allerdings nur über die langweilige Strasse im Tal. Aber wir waren ja nicht zum ersten Mal da. Ich wusste, dass da noch eine viel bessere Strasse direkt am Berg lang führt. Mangels elektronischer Navigation und zu grob gerasterter Karte, wurde diesmal eben nach der Himmelsrichtung navigiert. Nach 2 Fehlversuchen - die Eingeborenen müssen uns für echte Trottel gehalten haben, weil wir mehrfach am Internet Café vorbeifuhren - fanden wir dann den richtigen Schleichweg.

Oliena war diesmal richtig enttäuschend für mich. Auf Anhieb fand ich den richtigen Weg und kam gar nicht an der Kirche mit den alten Damen vorbei. Ich glaub ich brauch wieder einen Garmin um mich mal wieder ordentlich zu verfahren und die Geheimnisse der Orte zu erfahren.

Es folgte eine Etappe zum Entspannen. Die breit ausgebaute und gerade geführte Strasse nach Dorgali um dann quer durch die Ebene gen Norden zum nächsten Bergzug. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es schon erwähnt habe, aber die geschwungene Strasse nach Lula ist einfach ein Traum. Man kann es glaub ich gar nicht oft genug sagen. Beim Schreiben dieser Zeilen wird mir schmerzlich bewusst, dass noch einige Monate verstreichen werden, bis ich dort wieder das Kabel auf Anschlag stelle, mir ein Schauer beim Fauchen des Dreizylinders den Rücken runter läuft, während ich mich darauf konzentriere, keine Sekunde zu früh zu Ankern, um mich dann in die Kurve zu werfen und während noch die Funken der Fußraste stoben wieder voll zu beschleunigen. Ich glaub ich bin süchtig. Aber ich will gar nicht geheilt werden. Ich will wieder auf die Insel, besonders wenn ich mir die grau-weiße Pest draussen ansehe. Draussen schneit es und ich schreibe über das Motorrad fahren. Kein Wunder, wenn dann die Entzugserscheinungen heftiger ausfallen.

Von Lula aus fuhren wir nach Bitti und mich dürstete schon wieder nach einem Cappuccino. Von früheren Besuchen wusste ich, dass an der Piazza eine nette Bar war, welche dieses Bedürfnis befriedigen konnte. Mir fiel ein, dass in einer der Bars Yab seinen Rückenprotektor vergessen hatte. Vorsichtshalber rief ich mal Uwe an, nicht, dass er die Schildkröte schon abgeholt hatte. Ich erreichte ihn, als er mit defekter Lichtmaschine in Holzkirchen auf den ADAC wartete. So konsequent wie die Familie aus Adidas City hat wohl noch keiner von uns die Dienste der gelben Engel in Anspruch genommen. Sie waren zu dem Zeitpunkt immerhin schon 3 Wochen Mitglied. Uwe hatte den Protektor nicht, aber ich erfuhr, dass er just in der Bar, welche wir angesteuert hatten verlustig gegangen war. Gestaltete sich das Bestellen des traditionellen italienischen Heißgetränks noch relativ problemlos, war das Erfragen des Verbleibs der Schildkröte eine ganz andere Aufgabe. Aber irgendwie konnten wir das schon verstehen, was uns der Wirt mitteilte. Aus irgendwelchen Gründen, vermutlich weil er einige Tage zu gemacht hat, hat er den Protektor vor die Tür gestellt, damit er abgeholt werden kann. Das ist dann wohl auch passiert. Nur eben nicht vom rechtmäßigen Eigentümer. Aber ich bin mir sicher, der Marino passt in Zukunft besser auf sein Zeug auf. ;-)

Jetzt waren die Korkeichen dran. Motiviert schaltete ich schon mal die Kamera ein. Aber wie das so ist bei den Jungs, die nie beim Militär waren und auch nie zur See gefahren sind: Sie verschwenden keinen Gedanken an den Stand der Sonne. Es war mittlerweile später Nachmittag geworden, die Sonne stand zu dieser Jahreszeit recht tief und zu allem Überfluss fuhren wir auch noch nach Westen. Vorher das Visier putzen wäre eine tolle Idee gewesen. Wäre. So tasteten wir uns im Blindflug über den Korkeichenpass frei nach dem Motto: "Oh da vorne ist eine komische Biegung, scheint links zu gehen. Wie eng? Keine Ahnung! Gut dann langsamer. Es geht tatsächlich links - aber noch langsamer! Shit!"

Glücklicher Weise war die Kamera mit der Situation genauso überfordert wie wir und demzufolge gibt es keine Beweis-Dokumente von dem Trauerspiel. Denn das hat der Korkeichenpass tatsächlich nicht verdient.

Nach Süden fahren war hingegen wieder klasse. Oniferi, Orani, Sarule hießen die nächsten Stationen. Gerne wäre ich noch weiter gefahren über Ovada, Tonara, Aritzo und Seui, aber die vorgerückte Stunde mahnte uns einen kürzeren Weg einzuschlagen. Deshalb bogen wir am Lago di Gusada ab Richtung Fonni, fuhren wieder Slalom um die Fladen, welchen der Kuhscheissepass seinen Namen zu verdanken hat. Wir schafften es nicht mehr ganz bei Tageslicht zurück zu kehren. Kurz vor Villagrande überraschte uns die Dunkelheit. Schon frappierend, wie schnell zu dieser Jahreszeit der Lichtschalter umgelegt wird. Ist es im Hochsommer ein leichtes Dimmen, welches die Helligkeit reduziert, ist es im Oktober eine Angelegenheit weniger Minuten. So tasteten wir uns von Villagrande bis Tortoli in der Dunkelheit das kurvenreiche Sträßchen herunter. Im Supermarkt wurde noch rasch totes Tier für den Grill gekauft und prompt wieder das Frühstück vergessen.

Man könnte jetzt annehmen, dass nach formidablen Mahl der Abend bei einigen Ichnusa ausgeklungen sei. Doch weit gefehlt. Der Abend hatte noch mehr zu bieten. Toby und ich hatten eine Audienz beim Presidente. Schon am Morgen war ausgemacht worden, dass wir bei Micha und Sandy zum Spieleabend eintreffen werden. Auch die Söhne des Vermieters waren zu gegen, Massimiliano und sein Bruder, dessen Name mir mittlerweile entfallen ist. Massis Namen konnte ich mir gut merken, war er doch der Herscher des Grappa. Gespielt wurde Carcassone. Ein Spiel bei welchem man Kärtchen passend an andere Kärtchen legen muss um dadurch Punkte zu sammeln. Scheinbar gibt es da gewisse Taktiken, denn das erste Spiel gewann Micha mit Abstand und Massi verlor mit Abstand. Toby und ich waren da irgendwo dazwischen. Das war der Punkt, als Massi versuchte seine Position strategisch zu verbessern, indem er eine Flasche Grappa auf den Tisch stellte. Er selbst weigerte sich dieses Zeug zu trinken mit der Ausrede, er müsse ganz früh morgens zum klettern gehen. Ich glaub er wollte bloß cheaten. Zumindest im Nachhinein. Denn in der Situation ergriff ich genauso wie Toby das Glas. Micha war ja schon einige Tage in diesem Haus und schien gegen die Flüssigkeit immun zu sein, er gewann immer noch. Bei Toby und mir sah die Sache anders aus. Ich ertappte mich dann zu späterer Stunde sogar dabei, dass ich die Strassenkatze, welche Sandy adoptiert hatte und liebevoll Wuschel (glaub ich) nannte nicht nur streichelte, nein sie durfte sogar auf meinen Schoss. So könnt ihr sehen, was das für ein Teufelszeug war, das Massi uns auf den Tisch gestellt hatte.

Spät in der Nacht verabschiedeten Toby und ich uns und torkelten glücklich, obwohl wir nicht eines der Spiele gewonnen hatten, in unsere Kojen.

Boatpeople

Ein Blick in Toby's Augen verriet am Abreisetag, wie der vorherige Abend verlaufen war. Er äußerte sich auch in der Richtung, dass es ihm gar nicht gut ginge. Zunächst gab es jedoch so eine Art Frühstück, bestehend aus Blechkannenkaffee, eingepackten "Croissants" und einigen übrig gebliebenen Keksen. Ich sollte mir beim Einkaufen angewöhnen vorausschauender zu denken!

Anschließend begannen wir unsere Habseligkeiten zusammenzuräumen und ein wenig klar Schiff zu machen. Schließlich erwarteten wir, dass irgendwann Rosa mit ihrem Babychopper vorbei kommen würde, um das Haus abzunehmen und die Kaution zurück zu zahlen.

Das Hinausstellen des Papiers hatten wir am Vorabend natürlich wieder verpennt. Hab ich eigentlich schon mal was von der genialen Mülltrennung auf Sardinien erzählt? Man hat da vier verschiedene Eimer. Einen für organischen Abfall, einen für Restmüll, einen für Plastik - halt, damit sind lediglich Plastikflaschen gemeint und einen für Glas und Alu. Die beiden letzteren sind glücklicherweise etwas größer und stehen draussen als Gemeinschaftstonnen zur Verfügung. Die beiden ersteren sowie das getrennt zu sammelnde Papier müssen an festgelegten Tagen vor das Tor gestellt werden und verschwinden dann zu Zeiten, in welchen ich noch davon träume wieder irgendeine Kurve zu fahren. Aber natürlich nicht alles auf einmal. Nein, es wird mindestens 3x die Woche gesammelt. Ich bin mit solchen Systemen hoffnungslos überfordert, zumal die bislang besichtigten Müllkippen in mir den Verdacht keimen ließen, das sei alles Touristenschikane, weil letztlich eh alles auf der gleichen Halde landet. Aber vielleicht waren wir auch lediglich Teil eines Pilot Projektes.

Jedenfalls hatten wir wieder mal das Papier, oder genauer gesagt die Kartonagen vergessen. Wieder mal heißt, es standen rund 20 Kartons herum, deren Aufdruck "Ichnusa" keinen Zweifel daran ließ, dass wir dem Alkohol nicht abgeneigt waren. Ich kam nun auf die glorreiche Idee, die Kartons sauber auf der Terrasse zu stapeln. Dann wurde der Kühlschrank geräumt, vorhandene "Lebensmittel" getrennt nach "noch verwertbar" und "ganz schnell zu entsorgen!". Die große Dose Artischocken, welche sich Edgar über eine Woche zuvor dringend gewünscht hatte, geöffnet wurde und seitdem ungeachtet in einem Eck auf dem Kühlschrank ihr Dasein fristete, war das beste Beispiel dafür. Ich hob vorsichtig den Deckel an und konnte von Glück sagen, dass mich dieser blaue Schimmel nicht angefallen hat. Aber ich bilde mir ein, ein deutlich wahrzunehmendes Knurren vernommen zu haben.

Irgendwann waren wir dann der Meinung, dass der Reinlichkeit nun Genüge getan war und harrten der Kaution. Irgendwann kamen dann auch mal Micha und Sandy, holten schon mal das Auto um ihrerseits die Wohnung zu räumen und die Habseligkeiten zu verstauen.

Da es schon Mittag war und Rosa noch immer nicht eingetroffen war, rief ich mal diese Nummer an, welche auf der Quittung stand. Ich war fast schon überrascht, dass ich Rosa gleich am Apparat hatte, sie schien ihrerseits überrascht zu sein, dass wir diese schöne Insel schon verlassen wollten. Was heißt hier wollten? Wir mussten. Die Fähre war für 22:00 gebucht und zu Hause wartete schon jemand darauf mich mit Arbeit zu überschütten.

Eine halbe Stunde später traf sie dann auch ein auf ihrer Harley Light, zeigte uns lächelnd ihre Zahnspange und nahm die Wohnung ab. Lediglich beim Anblick der Kartons zeigte ein Zucken in ihren Augenbrauen eine Spur von Mißbilligung. Zudem fand sie es besser, wenn die Kartons in der Wohnung lagern. Also trug ich die Kartons zum zweiten Mal an diesem Tag durch die Gegend.

Als Micha und Sandy gepackt hatten, kamen sie mit Schorsch (dem BMW) und es ging daran die Moppeds zu verladen. Doch sollte das arme, alte Wägelchen wirklich alle 4 Moppeds den steilen Anstieg über Villagrande ziehen? Wäre es da nicht vernünftiger, das Fahrzeug gewichtsmäßig zu entlasten und einige der Zweiräder auf eigener Achse Richtung Fähre zu bringen?

Toby's Begeisterung ob dieser Idee hielt sich in Grenzen. Klar, die gleiche Menge Grappa richtet bei so geringer Körpermasse ganz andere Schäden an, als bei Moppeln wie Micha und mir.
Sandy, von der im Sommer noch Sätze wie "Schon wieder Sardinien? Da waren wir doch erst im Mai. Ist doch langweilig immer das selbe.." zu hören waren, wollte zwar eigentlich gar nicht mehr weg. Aber wenn es denn schon sein musste, dann wollte sie zumindest noch ein bisschen fahren. Es würde mich nicht wundern, wenn sie schon heimlich eine Strategie ausarbeitet, den sardischen Markt mit Getränkekartons zu überrollen.

Blieben Micha und ich. Ich muss sehr traurig geguckt haben, da Micha sich selbstlos anbot Schorsch bis La Caletta zu überführen. Juhu! Ich durfte noch einige Kilometer auf meiner Lieblingsinsel abspulen.

So fuhren Sandy und ich voraus, wollten wir doch noch den ein oder anderen Schlenker einbauen. Schließlich war es zum Ablegen der Fähre noch eine Weile hin und die Zeit sollte sinnvoll überbrückt werden. So nahmen wir zunächst mal die SS125 in Angriff und gönnten uns als Belohnung für engagiertes Kurvenschwingen in den engen Gassen von Dorgali noch einen Cappuccino. Interessant an solchen Orten finde ich immer wieder, welchen Götzen die Ureinwohner huldigen. Zwar wurden auch sie im Laufe der Jahrhunderte christianisiert, aber einige der traditionellen Bräuche wurden bis heute überliefert und werden gelebt. Direkt neben der Bar in welcher wir das Heißgetränk mit geschäumter Milch und liebevoll darüber gestreutem Kakao genossen war ein solcher Kultplatz. Es wurde dem Straßenbau gehuldigt, welcher mit der SS125 vor Jahrzehnten eine Verbindung zwischen Dorgali und Tortoli schuf. Endlich mal eine sinnvolle Huldigung.

Hinter Dorgali bogen wir ab um die Ebene zu queren und dann die, ich weiß nicht, ob ich es schon mal erwähnt habe, wundervolle Strasse nach Lula zu befahren. Von den vielen Kurven berauscht, querten wir den Ort und nahmen das Gässchen unter die Räder auf welchem das Gras aus dem Asphalt wächst. Es folgte die Abfahrt über die Feigenstrasse nach Siniscola, von wo aus es nur noch ein Katzensprung bis La Caletta, dem vereinbarten Treffpunkt war.

Erstaunlicher Weise war Schorsch nirgends zu sehen. Irritiert zückte ich mein Handy, ob ich nicht vielleicht eine Kurznachricht bekommen hätte und bestellte mir erst einmal ein Ichnusa in der angrenzenden Bar. Ich sollte das Ichnusa erst zur Hälfte ausgetrunken haben, als Micha, Toby und Schorsch erschienen. Sie brachten keine guten Nachrichten mit. Es wurde berichtet, dass Schorsch bei Vollast unter Blähungen litt und nach Sprit stank. So schlimm, dass Micha versucht hatte, das Schiebedach zu öffnen, welches aber - und das hatte ich ihm verschwiegen - defekt war, sich nur einen Spalt öffnete und sich dann nicht mehr schließen ließ. Das mit dem Schiebedach ließ sich schnell lösen, kannte man die versteckte Reset Funktion. Der Geruch irritierte aber selbst mich. Wir ließen den Wagen im Stand laufen, suchten verräterische Benzinschlieren im Motorraum, konnten jedoch nichts entdecken. Erst ein Blick unter das Fahrzeug ließ erkennen, dass der teure Treibstoff den Tank und die rechte Heckschürze entlang gelaufen war. Auch einige Schleifspuren wurden am Tankboden diagnostiziert. Was war passiert? Hatte es Micha bei der letzten Füllung zu gut gemeint und heftig gekleckert? Hatte Andrea bei der Verfolgung des Sanitäters unbemerkt über eine Bordsteinkante geschrappt? Wir einigten uns darauf, Vollast zu vermeiden, zur Not einmal mehr auf dem Heimweg zu tanken und wenn alle Stricke reißen, in der Tradition der MFU die gelben Engel zu rufen. Um jetzt bei niemanden Schuldgefühle zu erwecken: Daheim klärte sich das Problem. Ein in die Jahre gekommener und dadurch porös gewordener Spritschlauch war der Verursacher.

Auf dem Weg nach Olbia hielten wir noch an einem Supermarkt um Proviant für die Überfahrt zu bunkern, ansonsten verlief die Etappe ereignislos. Schorsch war sich wohl seiner Verantwortung bewusst und vermied es auszugasen.

Wir hatten uns eigentlich schon darauf gefreut, noch ein wenig in der Schlange an der Fähre zu stehen, darauf zu warten aufgefordert zu werden die Fähre zu beladen und uns die Zeit mit einigen Bierchen zu verkürzen. Doch diesmal lief das irgendwie anders. Wir wurden gleich durchgewunken, der Motor gar nicht ausgestellt und keine fünf Minuten nach der Einfahrt in den Hafen wurden wir von der Fähre verschluckt und fanden uns in deren Bauch wieder. Scheint eine andere Mannschaft als auf der Hinfahrt gewesen zu sein.

Auch die Passagiere waren anders. Waren wir zwar von früheren Überfahrten gewohnt, dass es vor dem Kabinen Ausgabeschalter Schlangen gab, wie weiland in der DDR, so war das Raucherdeck zumeist uns überlassen. Sonst halt. Diesmal nicht. Die Szene, die sich uns an Deck darbot hätte problemlos in die Verfilmung von Leon Uris Werk Exodos geschnitten werden können. Alles, was sich sonst im Bauch des Schiffes versteckt hielt, war auf dem Oberdeck anzutreffen. Es erinnerte auch stark an die Bilder der vietnamesischen Boatpeople. Für die Chance eine dieser Korbgarnituren zu ergattern, waren wir wohl einige Stunden zu spät. Aber nicht nur das, auch die Anzahl der ausgebreiteten Schlafsäcke übertraf alles, was wir bis dahin erlebt hatten. Dicht an dicht reihten sich die Schlaftüten, ganze Bettenburgen waren errichtet und quasi der gesamte überdachte und windgeschützte Raum war okkupiert. Mittlerweile hatten wir erkannt, dass es sich mitnichten um vietnamesische Flüchtlinge, sondern, der Sprache nach unmissverständlich zuzuordnen, Schweizer handelte. Eigentlich hatte ich ja gedacht, die Schweiz sei ein reiches Land und die Bürger könnten sich in so einem Fall Kabinen leisten. Nun war ich eines besseren belehrt und wusste, warum die Schweiz ein so reiches Land ist. Die Begründung: Sie leisten sich keine Kabinen!

An der Poolbar, umringt von einem Schweizer Feldlager, entdeckten wir noch einen kleinen freien Fleck mit einem verwaisten Barhocker. Als geschulte Fährennutzer war uns klar, dass dies ein idealer Ort sein würde, wenn die Fähre erst mal in Fahrt gekommen war. So zwängten wir uns durch ordentlich sortierten Liegenden und zogen uns prompt den Mißmut der Eidgenossen zu. Es folgte eine kurze Debatte, ob es sich um einen Raucherraum oder einen Schlafsaal handelte, uns wurde empfohlen doch in der gebuchten Kabine zu rauchen und letztlich setzten wir uns durch. Wurden aber im weiteren Verlauf mit bösen Blicken bedacht und es wurde tuschelnd über die blöden deutschen Motorradfahrer gelästert. Besonders von einem Herrn gesetzteren Alters, welcher sich nicht nur einen Schlafplatz in der ersten Reihe, sondern auch eine Sitzgarnitur ergattert hatte, an welcher er mit seiner Frau zusammen eine ganze Flasche Wein konsumierte. Sind halt sparsam die Schweizer.

Meine schwache Blase verhinderte dann später, dass ich Zeuge des Geschäfts wurde, als Micha die Sitzgarnitur gegen das Versprechen sich möglichst weit entfernt zu platzieren eintauschte. So bekamen wir schließlich doch noch die Möglichkeit, auf Korbstühlen sitzend mit einem Abstellplatz für unseren Proviantkorb und unsere Flaschen, die vergangenen Tage Revue passieren zu lassen.

Der Anhängerkönig

Wie so üblich war die Nacht auf der Fähre wieder mal viel zu kurz. Die Stimme aus dem Lautsprecher, welche einerseits die baldige Ankunft verkündete und andererseits das Bordbuffet pries war mindestens eine Stunde zu früh dran. Gefühlt wohl eher drei Stunden. So begannen wir zu viert uns in der engen Kabine zu sortieren. Micha und Sandy waren schon voraus, Toby und ich wollten folgen. Unser Parkdeck war schon vor einiger Zeit als erstes ausgerufen worden, der Nachteil, wenn man den Wagen auf unterster Ebene abgestellt hat. Inzwischen waren schon weitere zwei Decks ausgerufen worden. Unser Deck ließ sich blöderweise nur über den Fahrstuhl erreichen und das auch nicht über jeden. Habt ihr eine Vorstellung davon, wie kompliziert das ist, wenn 500 andere Leute zur gleichen Zeit den Plan haben Fahrstuhl zu fahren? Leicht gestresst erreichten wir unser Fahrzeug, Micha und Sandy warteten schon, während andere Fahrzeuge um unser einsam abgestelltes Gespann herum zirkelten. Kein guter Start in den Tag. Die darauf folgende Ausfahrt aus Genua wirkte für mich wie eine Flucht. Überall waren Autos, die alle irgendwie die ersten sein wollten. So ungefähr stelle ich mir das vor, wenn Lemminge kollektiven Selbstmord begehen. Aber vielleicht wirkt das nur so, wenn man nach zu kurzen Stunden Schlaf, ohne einen Morgenkaffee, sondern nur mit einer Zigarette versucht hat, den Nebel der Träume fort zu wischen.

Es dauerte nicht lang und die Ausläufer der Stadt lagen hinter uns. Glaub ich zumindest. Denn Genua scheint zwischen eine Unmenge von Bergen gepfercht worden zu sein und wir fuhren eigentlich ständig durch einen Tunnel, der hin und wieder von einem nebligen Tal unterbrochen war. Nach 2 Café an einem Rastplatz kurz nach Genua wurde ich dann langsam auch wach und konnte die folgenden Stunden beobachten wie die Landschaft Kilometer um Kilometer, für Minute um Minute an uns vorbei zog. Gelegentlich war mal ein Städtchen in der Nähe der Autobahn, aber ansonsten ist die Po Ebene ziemlich fad. So passierten wir Mailand und Brescia und nahmen bei Verona Anlauf den Brenner zu bewältigen. Schorsch hielt sich wacker. Ausdünstungen konnten nicht festgestellt werden und die Benzinanzeige gab auch keinen Anlass zur Sorge. Er soff nicht mehr als sonst. Am Brenner jedoch vermeinte Micha immer einen leichten Spritdunst in der Luft zu vernehmen wenn wir einen LKW passierten. Aber ob das jetzt wir waren...

Ziel war, mit dem auf Sardinien gebunkerten Sprit bis über die Grenze nach Italien zu kommen und dort günstigen Treibstoff zu ergattern. Hat geklappt und wir nahmen die letzte Ausfahrt auf italienischer Seite um wenigstens den einen Euro Brennermaut einzusparen. Die Abfahrt fand ich allerdings ein wenig verwirrend. Man fährt rechts von der Autobahn runter und muss dann nach links in eine Unterführung einbiegen. Soweit ist das ja noch logisch. Und rein der Logik folgend muss man danach rechts, um die Brennerhöhe zu erreichen. Aber rechts war da so ein rotes Schild mit weißem Balken. Später fiel mir ein, dass das dies bedeutet, dass man da nicht reinfahren soll. Später halt. So ungefähr nachdem ich die halbe Kurve gefahren bin. Da stand ich nun mit meinem Talent und hatte zu allem Überfluss auch noch kurz ein blaues Blinklicht hinter der vor mir aufragenden Kuppen aufblitzen sehen. Auf eine Diskussion mit den Carabinieri hatte ich jetzt gar keine Lust. Also versuchte ich einige Minuten unter der regen Anteilnahme der übrigen Fahrgäste rückwärts mit dem Gespann wieder um die Kurve zu fahren. Es waren auch durchaus nützliche Tipps dabei, nur war ich in keinster Weise in der Lage, diese in die Realität umzusetzen. Die Carabinieri hätten mich in dieser Zeit fünfmal verhaften können. Micha erbarmte sich meiner, übernahm das Volant und manövrierte das Gespann ohne weiteres nachsetzen um die Kurve. Ich tröstete mich damit - und ich glaube ich verbalisierte es auch - dass ich prima vorwärts fahren könne.

Kurz darauf erreichten wir die Shell auf österreichischer Seite, Sandy versuchte zuvor noch im Kreisverkehr das Schild "Südtirol ist nicht Italien" zu fotografieren. Klappte nicht aufs erste Mal, also zirkelte ich einige Male um den Kreisverkehr. Sandy bekam ihr Bild und ich neues Selbstbewusstsein.

Frisch gestärkt reihte ich mich in die Warteschlange an der Tanke ein und wäre da nicht dieser trottelige Italiener vor uns gewesen, hätte der Rüssel der Zapfsäule früher als erst nach einer viertel Stunde im Einfüllstutzen gesteckt. Wie das an diesen günstigen Tankstellen so ist, strömen die Leute von überall her um hier auch den ein oder anderen Cent zu sparen. In unserem speziellen Fall heißt das, sie kommen auch von Österreich, nehmen die erste Einfahrt und die erste freie Säule. So stand ich nun auf der rechten Seite, zwei Autos standen mir entgegen und dazwischen bot sich eine hoffnungsvolle Lücke. Mein Augenmaß gab mir zu verstehen, dass ich dazwischen durchkommen würde. Ich müsste nur weit genug ausholen und dann käme der Mad Max auch noch mit durch. Ich habs wohl ein wenig gut gemeint mit dem Ausholen. Der Schorsch passte jedenfalls prima durch. So zehn Zentimeter bevor Max mit seinem Ausleger in der Tür des links entgegenstehenden Fiats gesteckt hätte, entschied ich mich, das Gespann mal vorsichtshalber anzuhalten. Micha, der noch nicht zugestiegen war, erkannte die Situation sofort und versuchte mich da wieder raus zu dirigieren. Das Resultat war - ganz sicher nicht Michas Verschulden - dass sich der Abstand zum Fiat um die Hälfte reduzierte. Der Fahrer des Fiats hatte volles Verständnis und bestieg seinen SUV Verschnitt sportlich von der Beifahrerseite. Immerhin musste er nur 3x rangieren um mich aus der misslichen Lage zu befreien. Prima - damit hatte ich bewiesen, dass ich auch nicht vorwärts fahren kann.

Bei Holzkirchen luden wir den Toby ab und nach etlichen Startversuchen sprang seine kleine Bandit auch an. Ab da waren wir nur noch zu dritt im Wagen und auf einmal ging Schorsch wieder wie Hund. Der Toby ist doch ein ganz schöner Moppel, aber ich glaube das sagte ich schon.

So endete für mich nach rund 2000km im Auto, 600km auf der Fähre, eineinhalb verschlissenen Satz Reifen und 3000km auf dem Motorrad der OktoBär 2008.

Schön wars und ich freue mich aufs nächste Mal.

So endet hier der MFU Kurzroman und ich hoffe niemanden zu sehr gelangweilt zu haben :)

Floh

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