Too fast to die

Oktobär 2009

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Von Florian, 21.10.2009 01:51 und 22.10.2009 02:15

Oktobär 2009 (Bilder)

Diesmal sollte es in das Land der Liebe gehen.

So nennt man das glaube ich. Das definierte Ziel hatte ich erstmals auf der Jungfernfahrt meiner Bandit vor nun mittlerweile 12 Jahren besucht. Zuletzt durchstreife ich es vor 5 Jahren auf einer Tour mit Eric und Micha.

Schon beim Betrachten der von Edgar erstellten Route wurde die ein oder andere Erinnerung wach. Da waren wieder all die Pässe für die im jährlich wiederkehrenden winterlichen Alpenstrassenbericht Werbung gemacht wird. Die höchsten Gipfel Europas. Schier endlose Pässe, die sich in gewundenen Pfaden mit Radien aller Coleur in die dünne Bergluft schrauben um sich dann ins nächste Tal in ebensolcher Vielfalt wieder hinunter zu winden. Aber im Oktober, so wusste ich, wird der Herbst noch nicht völlig Einzug gehalten haben in dieser Region und die Temperatur wird selbst in hohen Höhen noch motoradfahrerfreundlich sein. So sattelte ich am Freitag nach der Arbeit meine Tiger und fuhr in die Verladestation Schweinfurt. Von dort sollte es am nächsten Morgen auf dem Hänger nach Basel gehen. Sandra war schon bei Micha als ich ankam und so packten wir drei unsere Moppeds schon mal auf den Hänger. Irgendwann nach dem Frühstück kam dann auch noch Sandra. Nein, ich verwechsle das jetzt gerade nicht. Sandra war zwar schon am Abend da und wir stellten ihr Mopped auf den Hänger, aber am Morgen reiste Sandra mit ihrer kleinen Drehorgel an. Da gibt es hunderte verschiedene Mädchennamen in diesem Land und ausgerechnet in unserer kleinen Gruppe müssen zwei Mädels den gleichen Vornamen besitzen. Der Einfachkeit halber werde ich im folgenden Michas Sandra einfach Sandy nennen.

Die folgenden Stunden wuchs in mir die Erkenntnis, dass mein nächstes Auto wohl auch ein Diesel wird. Beeindruckend wie so ein Ding funktioniert. Druck in jeder Situation - also fast wie eine Tiger... nur mit vier Mopeds auf dem Hänger hinten dran. Bis auf einen aufdringlichen Grenzer mit schwachen Nerven verlief die Reise recht ereignislos. Der Schweizer Grenzer kontrollierte zunächst, ob der Hänger auch brav mit einer Schweizer Autobahn Vignette ausgestattet ist und als er daran nichts auszusetzen hatte, wies er freundlich darauf hin, dass die linke Seite der PKW Vignette nicht komplett an der Scheibe klebte.

Pflichtbewusst wie ich als Deutscher nun mal bin und genau das mache, was mir aufgetragen wird, tippte ich spontan auf die linke untere Seite der Vignette. Man will sie schließlich nicht verlieren. Dadurch muss wohl eine leichte Asymetrie in der Haftung entstanden sein, denn dem Grenzer fiel auf, dass die rechte Seite der Vignette auch ein wenig abstand. Eifrig war ich auch bemüht, diesen Mangel zu beheben und konzentrierte mich darauf, auch die rechte untere Seite der Vignette vorschriftsgemäß zu anzukleben. Ich weiß nicht genau weshalb, jedenfalls erhob daraufhin der Grenzer seine Stimme, wirkte ein wenig angespannt und bot an, selbst ins Auto zu steigen um auch noch die Mitte festzukleben, wenn ich das nicht unmittelbar erledigen würde. Scheinbar sind die Schweizer mehr Eigeninitiative und
Mitdenken gewöhnt. Aber vermutlich sind sie deshalb Schweizer und wir nur Deutsche. In der Nähe von Basel fuhren wir zu Marions Cousine Elke. Dort konnten wir für die Woche Auto und Hänger auf dem Bauernhof stehen lassen. Wir wurden sehr herzlich begrüßt und es stand bereits ein Picknick Korb für uns bereit. Also damit hatte ich in keinster Weise gerechnet. Wir bekamen keine Brötchen, sondern mit Salami und Schinken belegte Laugenstangen offeriert. Jede einzelne liebevoll in Frischhaltefolie verpackt. Elke und ihre Mutter - Marions Tante - waren so herzlich, wir hatten so nette Gespräche, dass kurzzeitig sogar der Gedanke keimte, sich gleich vor Ort ein Zimmer zu suchen.

Schließlich schälten wir uns aber doch noch in die Moppedklamotten. Ich bewieß dabei soviel Elan, dass ich unmittelbar den Reißverschluss zerstörte. Ein heftiger Ruck und der Zipper war oben, hing nur noch an einer Seite des Verschlusses und es klaffte eine Schießscharte in meinem Schritt. Der Gedanke nun eine Woche mit offenem Hosenstall durch Frankreich zu reisen, rief Begeisterungsstürme in mir hervor. Klasse - hatten unsere Großväter und Urgroßväter schon den besten Eindruck in diesem Land hinterlassen - und jetzt kam ich. Elke schien die Situation klar zu erfassen und empfahl, dass es mit schwarzen Unterhosen eigentlich gar nicht auffallen würde. Micha war da etwas pragmatischer. Er hielt Klebeband für eine einfache und wirkungsvolle Maßnahme. Glücklicherweise hatte ich eines. Unglücklicherweise war schwarz aus und ich hatte nur silbernes bekommen. Klasse - eine Woche mit mit silbern geklebtem Latz. Quasi ein Keuschheitsgürtel für Arme. Egal - wir fuhren jetzt los. Noch kurz getankt, gegen den Schweizer Tankautomaten einen Kampf mittels EC Karte gewonnen und schon ging es los. Ich war ein wenig unmotiviert und reihte mich ganz hinten ein. Ausserdem wollte ich sehen, wie Sandra fährt. Man muss sich ja irgendwie auf die Gegner einstellen. So kreuzten wir anfangs ständig die Schweizer-Fränzösische Grenze und ich verlor völlig den Überblick, auf welcher Seite wir uns befinden. Dass Schweizer Tankstellen in dieser Region die Preise abwechselnd in Franken und Euro auf die Preistafeln bannten erleichterte mir die Übersicht nicht wirklich.

So fuhren wir herrliche kleine Sträßchen durchs Jura und stießen bei Saint-Hippolyte auf die D437, welcher wir bis Pontarlier, dem ersten Etappenziel auf Edgars Route folgen wollten. Unterwegs bekamen wir schon einen Vorgeschmack auf die Gorges die noch folgen sollten. Streckenweise war die Strasse ein wirklicher Traum. Aus Versehen fuhr ich zwei Mal an Sandra vorbei. Ich wollte das gar nicht. Scheinbar waren unsere Fahrstile noch nicht ganz kompatibel. Ich war von ihrer Geschwindigkeitsreduktion vor der Kurve so überrascht, dass mir gar nichts anderes übrig blieb als einen kleinen Schlenker zu machen. Später verriet sie mir, dass es ihr nichts aus mache hinterher zu fahren, solange sie nicht letzte sei. Da konnte man eigentlich nur noch auf Deddi hoffen, dessen Fahrweise ich bis dato noch nicht kannte. In St-Nilpferd hielten wir an und Sandy ging in einen Laden, welcher mit "Press" auf seine Produkte hinwies. Wie ich später mitbekam, wollte Sandy dort eine Art Verzeichnis kaufen, in welchem spezielle und günstige Unterkünfte der Region gelistet sind welche sich unter dem Label "Gites-Etappe" zusammengeschlossen haben. Es war allerdings ausverkauft. Wie auch in den "Press"en der nächsten drei Orten.

Inzwischen war klar, dass wir an diesem Tag die anderen von der MFU nicht mehr treffen würden. Also suchten wir etwa 10km vor Pontarlier eine Unterkunft und hielten an einem kleinen Hotel an der Hauptstrasse. Hätten Micha und ich nicht das Auberge Schild 2km zuvor entdeckt, hätten wir das Ankommbier vielleicht ein wenig früher bekommen. So wollten wir dann doch mal nach der Auberge gucken. Wir fuhren also die 2km zurück, dann geschätzte 5km den Berg hinauf bis zu einer Ortschaft, deren Ortsdurchfahrt gesperrt war. Jetzt weiß ich wenigstens auch was "Route Barre" heißt. Ein freundlicher Franzose klärte uns auf, dass wir auf dem richtigen Weg seien, und dass Moppeds da wohl durchkommen würden. Ich war wieder mal letzter als ich zu der Stelle kam, an welcher Autos nicht durchkommen. Im Prinzip war dies ein Graben quer über die Strasse, etwa 1,5m breit und gefühlt 3x so tief, über welchem eine etwa 1m breite Planke mit Geländer gelegt war. Nun war für uns die Zeit die Trial Kenntnisse einzusetzen. Ich machte erst mal den Motor aus, steckte mir eine Zigarette an und beobachtete das Treiben der Mädels. Eigentlich würde ich jetzt gern lästern. Sicherlich hatten sie die Hosen voll. Aber da es mir nicht wirklich besser erging, lass ich das jetzt mal lieber. Nein, sie haben das ganz souverän gemeistert. Wenig später fanden wir tätsächlich diese Auberge. Es schien ein echter Geheimtipp zu
sein. Der Parkplatz war jedenfalls voll. Kurz vor uns war noch eine Gruppe französischer Moppedfahrer eingetroffen und für uns waren keine Betten mehr zu haben. Schade eigentlich. Sah toll aus da. Also wieder zurück. Mittlerweile war es dunkel geworden. Irgendwann waren wir dann wieder da, wo wir schon vor locker einer Stunde ein Ankommbier hätten haben können. Aber ich darf mich nicht beschweren. Es war auch meine Idee. Wir bekamen total süsse Zimmer, die ich gar nicht erwartet hätte und hatten noch ein nettes Abendessen.

Nachdem ich meinen Reißverschluss mit Honda Bordwerkzeug repariert hatte.
Am nächsten Morgen war es schier kälter als am Abend zuvor. Nur mit Mühe kletterte das elektrische Thermometer des nahen Spezialitätenhandels. Der zweite Teil der Truppe hatte es am vergangenen Abend "lediglich" bis Ronchamps geschafft. Andrea hatte schon nach 500km Fahrstrecke gestreikt und nach Bett und Dusche verlangt. Andrea war schuld, das Tagesziel nicht erreicht zu haben. Auch wenn der Rest sicherlich nicht unglücklich darüber war. Hauptsache man hat einen Schuldigen. ;) Der Treffpunkt sollte Pontarlier, das gestrige Ziel sein. Lieb wie wir nun mal sind, hatten wir es ja auch um 10km verfehlt, um nicht als Musterschüler da zu stehen. Die Ulmer Abteilung lediglich um einen Nuller mehr.

Wir hatten Zeit. Gemächlich machten wir uns auf den Weg nach Pontarlier. Einerseits um den Rest der Truppe zu treffen, andererseits um einen geöffneten Supermarkt zu finden. An dieser Stelle eine Anregung für die Hersteller von Navigationssoftware: Eine POI Liste von Supermärkten in der Nähe ist toll, toller wäre es wenn diese nach Öffnungszeiten sortiert wäre. So irrten wir eine Weile orientierungslos durch Pontarlier, bis wir den Spar Markt gefunden hatten, welchen ein Einheimischer uns empfohlen hatte. Glücklicherweise lagen um diesen auch zwei Papeterien (jetzt ist mir wieder eingefallen, wie diese "Press"en wirklich heißen) und Sandy versuchte erneut ihr Glück einen Gites Etappe Führer zu ergattern - erfolglos.

Unweit dieser Einkaufsmeile fanden wir ein nettes Cafe an einem Platz, welcher gerade begann durch die höher steigende Sonne erwärmt zu werden. Direkt neben dem Cafe lag übrigens ein Gites Etappe. Aber das half uns jetzt auch nichts mehr. So warteten wir in diesem Cafe eine Weile auf den Rest der MFU. Alsbald erschienen dann auch Edgar auf seiner V-Strom, Dieter mit der Gixxe, Andrea auf ihrer Fazer, Sven und seine SV und Detlef (Deddi - ist einfacher, wenn man nicht weiß ob der Name mit f oder v endet) mit einer FJR. Wir waren jetzt komplett. Die Neuankömmlinge deckten sich im Cafe auch noch mit Heißgetränken ein und dann wurde zum Aufbruch geblasen. Es verzögerte sich allerdings ein wenig. Edgar konnte die geplante Route nicht auf seinem Garmin starten und auch sonst hatte keiner die von Edgar zuvor erstellten Touren auf sein Gerät geladen. Ich hatte Zuhause noch probiert das .gpx Format auf meinen Becker zu bekommen, gab dann aber, nachdem ich tausende von Punkten gelöscht hatte entnervt auf. Also was sollten wir tun? Hatte vielleicht jemand eine konventionelle Karte? Das schon, aber Edgar entschloss sich die eigentlich geplante Route mit Hilfe eines Map&Source Ausdrucks zumindest in groben Zügen nachzubasteln. Jetzt konnte es losgehen.

In der gewohnten Reihenfolge starteten Edgar und Dieter, dann reihte sich Deddi ein, ich schloss mich an und auch der Rest folgte. So ganz hielt sich Edgar nicht an die zuvor geplante Route und bog mal hier und mal dort ab, wie er später gestand. Ich verlor komplett die Orientierung. Natürlich baute er auch das ein oder andere Wendemanöver ein. So erweckte er den Anschein nach wie vor nach Garmin zu fahren.

So richtig Berge waren es hier noch nicht. Es ging zwar immer mal wieder auf und abwärts, die Landschaft erweckte den Anschein eines herbstlichen Mittelgebirges. Irgendwann begann es dann auch herbstlich zu regnen. Da war dann bei mir systembedingt der Ofen aus. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich Deddi noch folgen, erkannte dass er wohl nicht der langsamste in der Truppe ist und seine Nassperformance eindeutig besser als meine war. Erstaunt war ich allerdings, dass man eine FJR auch aufrecht fahren konnte wie andere Motorräder. So ganz ohne drücken. Das war mir bislang nicht bekannt. Bei Morbier steuerten wir dann eine Tankstelle an. Man muss wissen, dass das Bunkern von Treibstoff in Frankreich - besonders an Sonntagen - gar nicht so einfach ist. Man muss dann Zapfsäulen mit Geldautomaten, besser gesagt Kartenautomaten anfahren. Denn personell besetzt sind diese eher selten. Um den Tankvorgang von 9 Motorrädern zu beschleunigen, tankten immer mehrere auf eine Karte und beglichen die Rechnung dann untereinander. Ich tankte diesmal gemeinsam mit Dieter und Andrea - auf Svens Karte. Dieter hatte seinen neuen Pin ganz tief in seiner Tasche versteckelt, Andrea hatte die falsche Karte dabei und ich fand, dass Sven einfach näher am Automaten stand. Scheinbar hatte es Dieter recht eilig. Schwungvoll reichte er mir den Zapfhahn und ergoss dabei einen halben Schwall von im Schlauch verbliebenen Restbenzins über die Front von meinem britischen Qualitätsprodukt. Seitdem weiß ich, dass so eine Verkleidungsscheibe nicht benzinfest ist. Nächste Saison werde ich wohl mal testen, wie so eine Scheibe aus dem Zubehör funktioniert. (Aber Dieter und ich sind uns einig - alles ist gut) Begeistert war ich in diesem Moment jedenfalls nicht. Aber so ein wenig Frust kann recht hilfreich bei der Linienführung sein. Unbedarft, unwissend meines gerade erfahrenen Unglücks (wer denkt da schon an eine Versicherung - obwohl das auch Wurst wäre) waren fast alle vor mir gestartet. Dennoch kamen einige von ihnen nach mir an. Die folgenden Kurven bis Prémanon gingen deutlich beschwingt, mit über den Asphalt schabenden Rasten. Hirnlos halt - aber geil. Dem lieben Gott war das aber wohl zu heftig und wässerte deshalb erneut die Straßen, so dass mein Tatendrang ein wenig gedämpft wurde. Einen Klugscheisser wie mich braucht er scheinbar derzeit nicht. Glücklicherweise sollte es das mit dem Regen gewesen sein. Wir gerieten zwar noch mitten in ein Radrennen, aber anders als die anderen Idioten, die stur einen Berg hochstrampeln um sich danach einen Ast freuen, dass sie ohne
Herzinfarkt den Gipfel erreicht haben, nutzen diese fortentwickelten Idioten bevorzugt unasphaltiertes Terrain und kreuzten unsere Spielwege lediglich, um von einem Feldweg zum anderen zu gelangen. Mit dieser Art des Radfahrens kann ich gut umgehen. Hin und wieder stehen bleiben wenn ein Streckenposten unsere Rennstrecke sperrt ist wesentlich angenehmer, als ständig um diese im Rudel auftretenden Pylonen herumzufahren, welche bevorzugt hinter uneinsichtigen Rechtskurven zu viert nebeneinander die gesamte Spur belegen. Ursprüngliches Ziel der Tagesetappe war Rumily. So ganz sicher war ich mir aufgrund der von Edgars improvisierten Tagesetappe nicht mehr. Zumal mitten am Weg eine Auberge mit Destillerie stand. Warum kann man sowas eigentlich nicht gegen Tagesende entdecken? Warum muss es irgendwann nachmittags sein, wenn man noch locker zwei Stunden fahren konnte? Vielleicht gibt es doch einen Gott, der verhindern will, dass sich unsereins zu intensiv mit den regionalen Köstlichkeiten beschäftigt, um dann am folgenden Tag der Gefahr ausgesetzt zu sein nicht mehr angemessen reagieren zu können? Bisweilen beschleicht mich der Verdacht, da oben gibt es einen Einstellungsstopp. Ein Wirtschaftsunternehmen wie alle anderen auch. Nicht dass ich darüber wirklich unglücklich wäre, zumal ich sicher bin, wenn ich mir die katholischen Kirchenregeln so angucke, dass die Geschwindigkeitsüberwachungen da oben deutlich heftiger sind als in Frankreich... aber die Destillerie haben wir leider verpasst.

So kamen wir schließlich in Rumily an. Eine Ampel, die ich noch hätte schaffen können, mich aber aufgrund des Wissens, dass hinter mir noch Sandra und Deddi waren nötige stehen zu bleiben, entzog mir den Sichtkontakt zum Rest der Truppe. Die beiden schlossen während der Rotphase auf und ich folgte als neuer Leitwolf den Regeln entsprechend der Hauptstraße dieses Ortes. Gut, es gab die ein oder andere Umleitung, aber noch war ich sicher, an irgendeiner Abzweigung oder direkt vor einem Hotel ein Rudel mir bekannter Moppeds zu entdecken. Nachdem die Altstadt in ein Neubaugebiet übergegangen war und auch dieses langsam einem Industrie und Handelsgebiet wich, entschloss ich mich doch mal mit meinem Mobiltelefon Kontakt zu suchen. Just in dem Moment als ich den Hörer an mein helmbefreites Ohr führen wollte, sah ich an der entfernten Kreuzung vor mir eine von einem roten Helm angeführte Moppedgruppe abbiegen. Meine beiden verbliebenen Begleiter hetzte ich sofort hinterher, schmiss mein Kommuinikationsgerät in den Tankrucksack, stülpte den Helm über den Kopf und nahm selbst auch die Verfolgung auf. Garmin sei Dank, kam uns die Truppe wenige 100m später wieder entgegen. Wenden und hinterher! Jeder war sich der nächste und wollte nicht der Verlorene sein. Etwa 3km später wurde an einem Hotel gehalten.

Während Edgar auf Zimmererkundung ging, machten wir Bestandsaufnahme. Fast vollständig. Lediglich Micha war bei der Aktion verloren gegangen. Angesichts der Umstände ein erfreuliches Ergebnis. Zumindest hatte es jemanden getroffen, der mit Karten umgehen kann und daher auch selbständig in der Lage ist ein fernmündlich kommuniziertes Ziel zu erreichen. Eine Gabe, die man nicht selbstverständlich voraussetzen sollte, wie uns frühere Touren lehrten. Edgar konnte scheinbar den Wirt nicht überzeugen extra für uns sein Hotel wieder aufzumachen, also ging die Suche weiter. Wenige km weiter fanden wir ein Business Hotel, sie hatten Betten für uns, Micha wurde der Weg gewiesen und wir hatten ein Bett für die Nacht.

Außer Micha, Sandy und mir fuhr alles noch mal los um noch ein Restaurant zu finden. Micha erbot sich für uns drei Burger oder Döner zu besorgen. Es sollte Döner werden. Köstlicher übrigens. Nebenher vernichteten wir die Einkäufe unseres sonntäglichen Spar Besuches. Irgendwann trafen auch die Restaurantbesucher wieder ein, gesellten sich zu uns drei daheim gebliebenen und unterstützen uns bei der Vernichtung der Vorräte, nachdem ihre Beute - der Restaurantbesitzer hatte wohl gerade seinen Monatsbedarf an Bier verkauft - vernichtet war. Es war ein lauer, sehr angenehmer Abend und da ich am nächsten Morgen in meinem Bett ohne Kopfschmerzen aufwachte, muss ich wohl irgendwann sehr müde geworden sein. Deshalb endet die Chronik dieses Tages an dieser Stelle.

Irgendwann graute der Morgen und mir graute vor einem schrecklichen Kater. Aber scheinbar hatten wir Wein in hoher Qualität gekauft. Lediglich den durch Dehydrierung verursachten Wasservorrat ausgleichen und der Tag konnte beginnen.

Für ein solches Business Hotel wurde uns ein fürstliches Frühstück offeriert. Derart gestärkt durften die Straßen anfangen sich unter unseren Reifen zu winden. Nachdem an einem Supermarkt die Tanks unserer Moppeden gefüllt und sich einzelne noch mit Flüssignahrung eingedeckt hatten (ich räume ein, mich mit Red Bull gedopt zu haben), kullerten wir den ersten
richtigen Bergketten entgegen. Eingerahmt von herbstlichen Laubwäldern, deren Dächer in allen erdenklichen Rot Schattierungen strahlten, rollten wir durch ein Tal mit vereinzelten Gehöften. Für Leute, welche die Einsamkeit, die Ruhe und die Natur suchen sicherlich einer der besten Orte die man sich so vorstellen kann.

Aber nicht nur mit visuellen Reizen wurden wir dort verwöhnt. Das Band der Straße vor uns wurde enger, die Abstände zwischen den Kurven kürzer, das Winkelwerk öffnete sich für uns. Pure Fahrfreude war angesagt. Zwei links, zwei rechts, jetzt lass nichts fallen. Einfach grandios, wie der Körper eins wurde mit dem Ross aus Stahl. Immer tiefer saugte ich mich an den Asphalt heran, stets bedacht ihn in letzter Konsequenz doch nicht zu küssen. Gerade mitten im schönsten Kurvenrausch, hielt Edgar inne, bremste Dieter aus und stoppte mitten in einer Kehre.

Schon wieder Landschaft, dachte ich. Hätten wir da nicht weiter fahren können, bis all die Biegungen vorbei sind? Muss es jetzt eine Zigarette in Kombination mit Fotoapparat sein? Naja, ich musste einsehen, es war die Weisheit des Alters, welche Edgar bewog just an diesem Ort eine Rast einzulegen. Vom Kehrenausgang hatten wir eine bombastische Sicht auf eine atemberaubende Gesteinsformation, welche uns sicherlich verborgen geblieben wäre, hätten wir weiter heftig mit der rechten Hand gespielt. Die Zinnen dieses Berges ragten in den strahlend blauen Himmel, verströmten die Kraft und Stärke welche diesen Giganten über tausende von Jahren auf dieser Anhöhe hatten verweilen lassen. Während wir diesen Eindruck auf uns wirken ließen, beschäftigte Dieter sich damit sicherlich nicht essbare (vielleicht einmal) Pilze für die Nachwelt zu digitalisieren. Ein kurzes Stück später befanden wir uns im Tal und Edgar wurde von Garmin auf eine enge Passstraße gelotst. Zum Erreichen jener kreuzten wir noch einen Ort, welcher sich schützend um dieses Sträßchen gelegt hatte. Selten hatte ich eine engere Ortsdurchfahrt, mit so vielen winkeligen Abzweigungen gesehen wie jenen. Schützend sicherlich, damit nicht irgendwelche Wohnmobilisten auch dieses Sträßchen erklimmen. Solche werden hier von den Hausmauern gefangen. Auf dem Pass selbst war zu erkennen, dass die Kastanien inzwischen reif sind. Im Willen sich zu vermehren, warfen die Bäume ihre Kinder in Massen ab. Überall auf der Straße waren sie verteilt. Während sich ein Teil von uns bemühte, so viele wie möglich zu überfahren, damit sie nicht von unseren Wegen Besitz ergreifen, versuchten die Umweltschützer unter uns den Kindern der Bäume auszuweichen. Wer welche Rolle dabei übernahm, überlasse ich der Phantasie des Lesers.

Bei dem folgenden Halt bildete ich mir ein, entspannt in die Büsche gehen zu können, in dem Wissen, wie vorsichtig Sandy wird, wenn Kampfkastanien auf der Straße lauern. Das sollte mir eigentlich einen zeitlichen Vorsprung geben. Weit gefehlt! Auf nichts kann man sich mehr verlassen! Mittlerweile ist die hessische Hornettreiberin gehessisch fix. Jedenfalls war nichts mit einem ruhigen.. und jetzt rauche ich noch eine Zigarette... schon ging es weiter. Sandra war auch sehr tatendurstig und reihte sich gleich hinter dem führenden Edgar ein. Mutig für jemanden, der sich nicht so gerne überholen lässt. Auf der anderen Seite dauert es dann natürlich etwas länger bis man ganz nach hinten durchgereicht ist. Dennoch, irgendwie erschien mir die Strategie nicht schlüssig. Micha wurde zappelig. Genau wie ich hatte er das Schild Madelaine gesehen. Er begann sich schon auf seiner Hornet zu sortieren. Unwissende mögen nun vielleicht vermuten, dass es sich bei bewusster Madelaine um ein leichtes Mädchen handelt. Doch weit gefehlt. Es ist keine Sie, sondern ein Er – der Col d'Madelaine. Ein richtig schöner ursprünglicher Pass, unbegradigt für Reisebusse und ähnliches Gedöns. Leider konnte ich Michas Gesicht nicht sehen, als vor ihm und mir Edgar im Kreisverkehr nicht den Schildern zum Col, sondern dem Kreisverkehr in eine gänzlich andere Richtung folgte. Aber seine zusammenfallende Körperspannung sprach Bände: "Da geht's zum Col - Edgar!!! Du und dein Garmin! Folge den Wegweisern - weil ich will da hin!". Etwas Entspannung stellte sich jedoch gleich ein, als Edgar 100m weiter ein Café zur Pause ansteuerte. Ich hatte allerdings den Verdacht, dass immer noch ein wenig Misstrauen in Anbetracht der Wegführung geblieben war. Eigentlich war es kein Café. Eher so eine Art Vereinsgaststätte. Wir saßen im Freien, gleich neben einem großen Spielfeld für Boule. Also dieses Spiel, bei welchem man schwere Kugeln durch die Gegend wirft und versucht, diese so nah wie möglich an eine kleine rote Kugel zu bugsieren. Dass man dabei auch feindliche Kugeln weg schubsen darf ist bekannt. Ob man die Kugeln jedoch rollen oder werfen soll, da streiten sich heute noch die Gelehrten über die richtige Strategie. Ist wohl so wie beim Mopped fahren. Die einen behaupten es sei der flüssige Stil und die anderen.... naja, die haben keine Ahnung. Café war das jedenfalls nicht. Dafür waren die Tassen zu groß. Aber geschmacklich war es interessant. Man hatte mehr als Flüssigkeit im Mund. Ein bisschen was zum kauen war auch in der Brühe. Aber immerhin war es so interessant, dass wir eine zweite Runde bestellten, bevor wir den Madelaine in Angriff nahmen. Ich muss zugeben, ich hab den Madelaine nicht wieder erkannt. Vermutlich liegt das daran, dass wir ihn vor fünf Jahren aus der anderen Richtung gefahren sind. Das ist eben das großartige an den Französischen Pässen. Die sind so gebaut, dass man zwei unterschiedliche Straßen hat, je nachdem aus welcher Richtung man gerade kommt. Da muss man gar nicht so viele Straßen bauen. Das spart Geld und der Motorradfahrer hat mit nur einer Investition doppelten Spaß.

Spaß hatte scheinbar auch Deddi. Soviel Spaß, dass er auf der Passhöhe angestrengt über eine Heckhöherlegung nachdachte. Auf der anderen Seite... wenn die Rasten lang genug über den Asphalt schleifen, wird das Mopped auch leichter. Dieter hingegen überraschte mich wieder mal. Ist ja nicht so, dass ich der Schisser vor dem Herrn bin, aber wenn die Straße schon ausschaut, als hätten drei Baustellenlaster ihre Fracht verloren, dann lasse ich es für mich ein wenig ruhiger angehen. Edgar hatte wohl auch so eine Eingebung und Dieter fürchtete daraufhin um die stabilisierenden Kreiselkräfte. Er fuhr dann einfach an Edgar vorbei um alleine zu spielen. Das an sich finde ich noch gar nicht so bemerkenswert. Vielmehr die Staubfahne, welche er hinter sich her zog. Herzog Dieter nahm die folgende Linkskurve in einer Schräglage, welche bei meiner Raubkatze einem Abschleifen der Krallen gleichgekommen wäre. Sicherlich konnte ich das nur schemenhaft erkennen, denn die von ihm produzierte Staubfahne glich dem, was man als Verfolger auf der Dakar erwartet. Ich bin immer noch tief beeindruckt, was handelsübliche Moppedreifen zu leisten vermögen. Bei anderen halt...

Die Passabfahrt gestalteten wir eher gemütlich, versuchten jedoch dann die Zeit bis Bourg St-Maurice wieder aufzuholen und folgten dann der Auffahrt nach Val d'Isere. Der Col d'Iseran mag ja einer der höchsten Pässe in der erreichbaren Umgebung sein, landschaftlich sicherlich ein Knaller, aber fahrerisch konnte er mich jetzt nicht wirklich überzeugen. Der Einstieg ist spannend. Zunächst fährt man durch das Retourtendorf Val d'Isere, in welchem 4 Monate im Jahr die Hölle los ist, um dann im Sommer über wieder renoviert zu werden. Leben tut da glaub ich keiner. Der Ort liegt zwischen 2 mächtigen Erhebungen und schließt am Ende einfach ab. Irgendein Wahnsinniger hat sich dann vor einigen hundert Jahren entschlossen, dass es da einen Weg nach Süden geben müsste und hat einfach einen Weg in den Fels gehämmert. Vermutlich konnte er noch viele andere Wahnsinnige für dieses Vorhaben motivieren. Jedenfalls würmt sich die Straße irgendwie den Weg hinauf, auf der Bergseite kann man seinen Kopf gar nicht weit genug heben um das Ende der Felswand zu erkennen und auf die ndere Seite schaut man besser nicht, denn da geht es ohne Absperrung so weit runter, wie man nach oben nicht gucken kann. Schweißgebadet (weiß gar nicht ob ich das sagen darf, oder ob es gar den Tatsachen entspricht) kam Sandy oben an. Die fehlenden Leitplanken, die nicht vorhandenen sonst üblichen einzelnen Begrenzungssteine, welche für sturzwillige Zweiradfahrer ohnehin kein Hindernis darstellen würden, hatten ihr ein wenig zugesetzt. Man darf wohl behaupten, dass sie sichtlich froh und wohl auch ein wenig stolz, den inneren Schweinehund besiegt zu haben, oben angekommen war. Micha erklärte ihr, dass man zum Dank heil oben angekommen zu sein und als Schutz für weitere Passbegehungen einen Schutztroll zu bauen habe. Also dackelten die beiden erst mal los, sammelten Steine in verschiedenen Größen, trugen diese zu einem zentralen Platz und türmten diese auf. Die größten zuunterst und dann die kleinen oben drauf. So entstand Sandys erster Troll. Es sollte nicht der letzte bleiben. Wenn das so weiter geht, müssen noch mal die Kartographen ran, um die Höhen neu zu vermessen ;)

Inzwischen war es doch ein wenig frisch geworden und wir machten uns auf den Weg ins Tal. Immerhin standen wir Ende September auf knapp 2800m. In ungeordneter Reihenfolge fuhren wir mit dem Ziel Lanslebourg los. Die immer noch grandiose Landschaft wusste ich gar nicht richtig zu würdigen. Einerseits war mir kalt, andererseits hatte ich Hunger und nicht zu vergessen... ich hörte mein Ankommbier schon wimmern. Jaja... da oben am Berg.

Dass ich am Hotel vorbei gefahren bin, dies erst merkte als ich an einem Zebrastreifen hielt um einen Fußgänger überqueren zu lassen und dabei feststellte, dass hinter mir niemand mehr war, mag an meinen schlechten Ohren liegen. Vielleicht hat das Bier auch einfach nur mal kurz Luft geholt um dann weiter nach mir zu rufen. Nach einer kurzen Wende fand ich die Unterkunft aber dann doch problemlos. Deddi hatte wohl noch nicht genug. Und Durst hatte er auch noch nicht. Er wollte einfach noch nicht ankommen. Also fuhr er noch mal auf den Mont Cenis. In der Zwischenzeit tranken wir ein wenig Bier, bezogen die Zimmer und ich wollte danach eigentlich nur eine kurze Dusche. Wir hatten aber keine auf dem Zimmer. Statt dessen eine Sitzwanne. Wie geil! Wenn ich mal groß bin, dann will ich auch sowas. Schön in der Suppe sitzen und von oben noch einen Aufguss. Hätte ich nicht um das folgende Fondue gewusst, ich wäre wohl den ganzen Abend nicht aus der Wanne gekommen. Keine Frage, für kalorienbewusste Menschen wie mich stellte das Abendessen eine Herausforderung dar. Die gereichten Salate ließen noch ein wenig Hoffnung keimen, aber schon die bereits angerichteten Wurstplatten erstickten den Wunsch nach Abnehmen. Egal, ich musste am nächsten Morgen nicht in meine Lederkombi passen. Die hing daheim im Schrank und ich hatte in weiser Voraussicht Textil gewählt. Kann sich doch noch ein wenig dehnen.

Schon beim Platz nehmen ging ich taktisch vor. Bloß nicht neben Edgar. Sven war ok, zu Deddi hatte ich ein gewisses Grundvertrauen und Dieter würde ich mehr Stirn bieten als auf der Straße. Der Topf mit dem Käse konnte kommen. Kaum war der geschmolzene Käse da, ging die Schlacht los. Brot aufgesteckt, genüsslich in der Brühe gerührt und dann den Batzen in den Mund gesteckt. Und das gleiche noch mal. War das ein Fest. Der Gaumen tanzte Salsa. Dieter pries den Genuss von Kartoffeln, eingewickelt in lokalen Schinken - keineswegs zu Unrecht. Dass mich dies um Wochen in meiner Diät zurück warf, war mir egal. Und war es wert. Auf der anderen Seite des Tisches stellte Micha fest, dass Edgar nicht nur auf der Straße fix unterwegs ist. Dafür gab es für diese Seite der Tafel auch noch einen zweiten Topf mit geschmolzenem Käse. Es war einfach nur genial. Ich will das unbedingt mal wieder machen. Auch wenn ich danach reif fürs Bett war. So hab ich wenigstens nicht mitbekommen, dass die Wirtin nichts mehr ausschenken wollte und es auch verweigerte etwas zu trinken mit aufs Zimmer zu nehmen, weil dadurch ja andere Gäste gestört werden hätten können. Zu Recht - ich war müde. Wobei.... ich hätte eh nichts mehr mitbekommen.

Ich bin mir sicher, der Käse war am Morgen noch nicht endgültig verdaut. Obwohl ich so viele Stunden wie schon lange nicht mehr geschlafen hatte. Nicht dass mich das nun von einem opulenten Frühstück inklusive exzessiven Kaffeegenusses abgehalten hätte.

Derart gestärkt machten wir uns auf den Weg. Die Käsekugel unter meiner Jacke hatte zudem den Vorteil, dass es schwer werden würde an diesem Tag das Vorderrad in die Luft zu bekommen. Aber noch waren die Motoren kalt und da bestand diese Gefahr gar nicht.

Der Weg führte zunächst strack nach Westen. Das Tal in welchem wir uns bewegten war tief und wir schlängelten uns auf einer Straße am südlichen Hang entlang. Die Käsekugel versuchte stets ein wenig mein Vorderrad zum Kurvenaußenrand zu drücken. Ich ließ es ein wenig gemächlicher angehen, zumal ich nicht der letzte unserer illustren Runde war. Mich begeisterte das Fort, welches auf der nördlichen Seite des Tales einst von unerschrockenen Patrioten errichtet worden war. Zugegeben, ich war nicht schnell unterwegs, aber immer noch zu schnell um auf den Tafel zu lesen wann und warum das Fort errichtet worden war. Stehen bleiben um die Informationstafel zu lesen hätte aber ob meiner mangelnden Französisch Kenntnisse nichts an meinem Unwissen geändert. So versuchte ich mich am Anblick der Befestigungsanlage, welche hoch über dem Tal, schon zum Teil in Sonnenschein, auf einem Plateau errichtet worden war satt zu sehen.

Ich war indes nicht der einzige, welcher sich für Dinge neben der Fahrbahn interessierte. Kurz vor einem Ort standen rechts auf einem Parkplatz gelb gewandete Astronauten, die im Begriff waren an einer Rakete oder einem Tanklastzug - so genau konnte ich das nicht erkennen - noch irgendwelche Übungen vorzunehmen. Dass Sven indes Stellung bezogen hatte, dieses sonderbare Handeln abzulichten, fiel mir allerdings auf. Ich sah jedenfalls zu Land zu gewinnen, da ich mir bei Franzosen in gelben Säcken nicht sicher bin, ob sie nicht doch Versuche machen Atommüll weg zu hexen.

Bei einer Abzweigung an einem Kreisverkehr konnte ich dann glücklicherweise meiner Tabaksucht frönen. Micha und Sandy waren verloren gegangen. Micha klärte mich dann später auf, dass er lediglich einen Kampf mit einem Aerometer versucht hatte zu gewinnen. Er vermutete, dass seine mangelnde Performance die letzten Tage auf einen zu niedrigen Luftdruck im Vorderreifen zurückzuführen gewesen sei. Wohl zu Recht. Im weiteren Verlauf der Etappe würde es echt lästig, ihn hinter mir zu halten. Kann aber auch an der Käsekugel und der Auswirkungen auf das Vorderrad gelegen haben.

Mittlerweile hatte ich ein wenig die Orientierung und wir letzten drei den Anschluss an die Gruppe verloren. An einer Ampel fragte ich Micha noch, ob wir nicht irgendwo mal nach Süden abbiegen müssten und wie weit das noch sei. Er meinte auch, dass es nicht mehr weit sein könnte, als ich gerade ein Schild Richtung Galibier entdeckte. Mein Blick folgte der Richtung des Schildes und schlagartig wurde mir klar, weshalb französische Gendarmen blaue Motorräder fahren. Man kann sich damit prima unauffällig machen. Just an dieser Kreuzung stand Deddi mit seiner blauen FJR und versteckte sich damit vor mir wie die Butter im Kühlschrank.

Aber jetzt war ja alles klar. Wir folgten Deddis FJR und durften bevor wir den Galibier erstürmten zunächst noch den Col d 'Telegraph vernaschen. Ich bezweifle Interesse daran gehabt zu haben, wie sich passender Vorderrad Luftdruck auf das Fahrverhalten einer Hornet auswirkt, aber ich schaute immer wieder erstaunt in die Spiegel, dass ich Micha einfach nicht los werden konnte. Deddi hatte uns zwischenzeitlich bereits das Spielfeld überlassen. In einer Linkskurve bin dann doch ein wenig verschreckt, als ich feststellte, dass auch Zweirad Gendarmen recht weit ausholen um Kurven zu meistern. Zu meiner Genugtuung erschrak der wackere Gendarm in seiner Tarn-FJR mehr als ich.

Hab ich eigentlich schon erwähnt, wie viele von diesen Polizei Moppeds während unserer Tour unterwegs waren? Man konnte bisweilen glauben, sie seien im Trainingscamp um im Herbst noch mal zu üben, wie sie dann im Sommer harmlose Zweirad Fahrer verfolgen können. Die meisten schienen jedoch noch am Anfang ihrer Ausbildung zu sein. Nichts desto trotz, das klingt wie ein Traumjob. Mit dem Nachteil keine freie Waffenwahl zu haben.

Am Telegraph kamen wir wieder alle zusammen und spekulierten gemeinsam über den Sinn und den Verwendungszweck der vielen Drahtrollen, welche vor unseren Augen gelagert wurde. Es gab da verschiedene Varianten, ausgehend von Skipisten Sicherungen, Draht um Felsen zu sichern und ich glaube immer noch insgeheim, dass damit touristische Zwecke verfolgt werden um auf den Namen des Passes hin zu weisen.

Der Telegraph war allerdings nur die Einstimmung. Dem Verlauf der Straße folgend stießen wir unweigerlich auf den Galibier. Anfangs keimte in mir noch der Wunsch den Motor aufheulen zu lassen, mit den Fußrasten sanft den Asphalt zu streicheln. Doch mit jedem Meter wich dieses Bedürfnis dem Begehren diese unwirtliche, menschenfeindliche Gegend in mir aufzusaugen. Schroffer als sonst wo standen die Felsen. Vereinzelt versuchten Kräuter sich einen Lebensraum zu schaffen. Scheinbar mit minderem Erfolg. Noch waren die Wiesen grün, nein eher grau und durchsetzt mit Felsen. Ich könnte mir vorstellen, dass erste Erfolge eines Mondbegrünungsprogrammes ähnlich aussehen könnten. Nichts desto trotz eine faszinierende Landschaft. Und scheinbar auch anspruchsvoll für Motorradfahrer. Denn Sandy baute gemeinsam mit Micha am Gipfel des Galibier einen weiteren Troll. Mit Gipfel meine ich auch Gipfel. Die letzten 100 Höhenmeter legten die beiden per pedes zurück.

Spätestens hier muss Edgar wohl beschlossen haben, dass mit seinen Reifen kein Blumentopf mehr zu gewinnen sei. Er, Deddi und Dieter setzten sich schon mal ab um in Briancon neue Reifen zu fassen. Der Rest folgte dann irgendwann. Der Vorsprung brachte den dreien allerdings auch nur den Vorteil die Burger im MotorCycleDonalds bereits verzehrt zu haben, als die Verfolger eintrafen. Die örtlichen Reifendealer pflegten zu dieser Zeit ihre Siesta. Das sollte sich noch eine Weile hinziehen und da alle anderen nicht gewillt waren der Arbeitskultur dieses Bergstammes beizuwohnen, trennten sich hier unsere Wege. Sven bildete sich ein, noch keinen Reifen zu brauchen, zeigte aber dennoch Solidarität und blieb bei unseren Freunden der schwarzen Gummis.

Direkt hinter Briancon begann der Iseran. Ich hatte ihn noch gut in Erinnerung. Ein gewundenes Sträßchen mit einer stabilen Leitplanke auf der Nordseite - wie mir berichtet wurde. Es fing auch richtig lustig an, ich wühlte mich zunächst an unseren drei Mädels vorbei um dann den Eindruck zu bekommen, wir befänden uns im Krieg. Nein, nicht dass sich die Mädels mehr als sonst gewehrt hätten (wobei das von Ausfahrt zu Ausfahrt schlimmer wird. Ich muss mir wirklich mal Gedanken um eine andere Übersetzung machen), es standen überall Panzer rum. Grün gewandete Männchen mit Maschinenpistolen bewachten die Straße und machten uns Rasern klar, dass sie unseren augenblicklichen Fahrstil missbilligten. Kurzzeitig ließ ich mich sogar davon beeindrucken. Ein Fehler. Denn Micha hatte aufgrund meiner Turtelei mit den Mädels schon reichlich Meter gewonnen. Der Tiger setzte nun seine Krallen ein und biss sich in den Asphalt. In leicht geschwungenen Bögen ging es nicht allzu steil durch den Wald. Ein leichtes Entsetzen zeichnete sich in meinem Gesicht ab, als mir in einem schattigen Waldstück gewahr wurde, dass das Straßenbauamt sich an dieser Stelle entschlossen hatte die Richtung der Fahrbahn urplötzlich zu ändern. Danke Nissin. Sonst hatte ich keinerlei Anlass zum Tadel. Das Straßenbauamt hatte wohl knapp zuvor Gelder für eine Restaurierung dieses Passes bewilligt und ich hege auch den Verdacht, dass sie für die Konstruktion der Kehrenradien einen Rennstreckendesigner zu Rate gezogen haben. Es fühlte sich an wie ein kontrollierter Sturz, von einer Schräglage in die andere zu fallen. Eine Form von Schwerelosigkeit, die sonst wohl nur noch Surfer begreifen können. Knapp vor dem Gipfel war dann Micha wieder in Sichtweite. Hätte ich mich nur nicht von diesen Soldaten derart beeindrucken lassen... Am Gipfel genossen wir bei strahlenstem blauem Himmel die wundervollen Gipfel mit ihren Geröllhängen rings um den Iseran. Natürlich wurde auch hier ein Troll konstruiert.

Eigentlich wollten wir ja direkt nach dem Iseran ein Café konsultieren. Aber eigentümlicher weise hatte die Gastronomie nicht mehr mit uns gerechnet. Entweder waren die Lokalitäten nicht geöffnet, man musste den ganzen Laden kaufen, oder sie waren schlicht unauffindbar. So fuhren wir noch durch einen hübschen Gorges nach Guillestre um dort an einem Platz eine koffeinhaltige Stärkung zu uns zunehmen.

Der Col d'Vars war bis auf einige Baustellen weitgehend unspektakulär und so freuten wir uns an der Abzweigung nach Barcelonnette, das gerade zwei GSen an unserer Nase vorbei gefahren waren. Eine heftige Gegenwehr ihrerseits wäre eine schöne Abrundung des Tages gewesen. Aber leider fuhren die beiden, als müssten sie es mit diesem Satz Reifen noch heim bis Polen schaffen. So warteten wir dann an der Tankstelle (mit den Zimmern) auf die Mädels und kurz danach kamen dann auch die GSen vorbei. Die überwiegende Mehrheit der Anwesenden war der Ansicht, man solle doch mal im nahe gelegenen Barcelonnette nach einem Zimmer gucken und ich will mich da gar nicht ausnehmen. Hatte ich wohl die ein oder andere Strecke vergessen in den etzten fünf Jahren, ordnete einen Pass einer anderen Region zu, aber dass es am Marktplatz von Barcelonnette Weißbier (zu fürstlichen Preisen) gab, das hatte ich nicht vergessen.

So bezogen wir ein gar nicht zu teures Zimmer im Grand Hotel - ich wollte schon immer mal in einem aus dieser Kette nächtigen - informierten unsere Reifenwechsler und begannen damit edles Weißbier zu konsumieren. Nachdem alle eingetroffen waren - Sven hatte einen Alleingang gemacht – alle ihr Ankommbier oder zwei getrunken hatten ging es noch essen. Lediglich Edgar zierte sich. Bei Essen! Da musste was ganz schlimmes vorgefallen sein. Bei Essen! Er murmelte noch irgendwas von Schlucht und runter treten, was ein Zeichen dafür war, dass er mit seiner Fahrleistung, seinem Motorrad oder beidem unzufrieden war. Es könnte natürlich auch sein, dass er voller Vorfreude auf ein Menü an der Tankstelle gewesen war, was einige selbstsüchtige Weißbierkonsumenten vereitelten. Jedenfalls gingen alle bis auf Edgar noch in eine süße kleine Pizzeria welche dem Anschein nach der Großabnehmer für Knoblauch in der Region war. Nicht, dass es nicht geschmeckt hätte. Nein, mein Ofenkäse - ich war ein wenig überrascht von dem was ich bekam, denn ich hatte selbständig von der französischen Karte bestellt - war köstlich. Nur Vampire hätten an uns keine Freude mehr gehabt.

Und so endete ein weiterer Tag mit Trollen, Reifen, hohen Bergen, wundervoller Aussicht - Frankreich ist genial. Vampire hätten in der vergangenen Nacht wohl keine Chance gehabt. Noch immer trug ich eine meterweite Knoblauchfahne vor mir her. Auch minutenlanges Zähneputzen konnte hier keine Abhilfe schaffen. Eigentlich auch klar, wird sich die weiße Knolle wohl kaum darauf beschränken, sich als Schutzschicht um die kleinen Beißerchen zu legen.

Das Hotel hatten wir dieses Mal ohne ein Petit Dejeuner gebucht. So machten wir uns auf den Weg in die Bar unterhalb unserer Herberge um uns für den anstehenden Tag mit Koffein und Kohlenhydraten zu stärken. Anschließend schoben wir unsere zweirädrigen Gefährte aus der hoteleigenen Garage in welcher diese die Nacht verbracht hatten. Motor anlassen war explizit verboten. Aber gestärkt wie wir waren schafften wir es auch so. Wir hatten gerade die Moppeds beladen, als Sandra einigen von uns mitteilte, dass sie die Reise mit uns aus gesundheitlichen Gründen nicht fortsetzen wolle. So waren wir nur noch acht.

Zunächst ging es Richtung Osten, wie immer in unkoordinierter Reihenfolge. Ich schätze, wir verteilten uns dabei auf 10km, um uns auf dem Col de Larche wieder zu versammeln. Dort verzückte uns Deddi mit einem Stunt, indem er uns demonstrierte, dass man auch auf Schotter ein Vorderrad in Schräglage zum stehen bekommt ohne zu stürzen. Eine beeindruckende Vorstellung der Überbewertung eines ABS.

Vom Ananas Pass - dort standen überall Schilder mit der Kennzeichnung Anas rum, einem unspektakulären Pass auf der Grenze zwischen Frankreich und Italien, eingerahmt von einer felsigen Gebirgskette im Osten und einigen von Schafen bewohnten Hügeln im Westen, ging es weiter nach Italien. Auf der breiten und gut ausgebauten Straße gab es gelegentlich mal eine Kurve. Nicht lang kamen wir in diesen entspannenden Genuss, als Edgar uns nach rechts auf ein kleines Sträßchen lotste. Ein kleines Päuschen unter schattigen Bäumen mit einem rauschenden Bach nutzten Micha und Sven um eine Tankstelle zu suchen und Dieter im Bach die Wasserdichtigkeit seiner Daytona zu prüfen. Entweder waren sie dicht, oder er trug es wie ein Mann, dass er grundlos - das stimmt nicht, er hatte Grund unter den Füssen - im Wasser zwischen den Steinen geturnt war.

War die vorige Strecke breit ausgebaut und anspruchslos, hatten wir nun das genaue Gegenteil. Knapp breiter als ein amerikanischer Wüstenstreitwagen schlängelte sich der Col de Lombarde zunächst durch kleinere Wäldchen, um dann Ausblick auf grüne Felsen zu geben. Der ganze Berg sah aus wie ungepflegtes Silber. Dieses Grün überdeckte all die Steine und Felsen, bot der Fauna keinerlei Gastlichkeit und zog mich derart in Bann, dass ich die anderen erst mal ziehen ließ. Kurz vor dem Gipfel wurde es flacher und eine Art Heide Ebene erstreckte sich in unwirtlicher Schönheit. Am Gipfel selbst, wiederum die Grenze zwischen Frankreich und Italien standen als stille Zeugen der feindlichen Auseinandersetzung von vor nun bald 75 Jahren einige verfallene Kasematten und auf französischer Seite in den Berg gestopfte Bunkeranlagen. Wie mir mein bescheidenes Französisch beim studieren der Informationstafeln verriet, muss das wohl um 1942 gewesen sein.

Bei Sven entwickelte der Anblick der Bunkeranlagen Entdeckergeist. Er kramte in seiner Tasche und holte die von uns schon zuvor bewunderten Taschenlampen heraus. Taschenlampe ist bei so einem Gerät wohl der falsche Ausdruck. Universell geeignet zum Einsatz als Schlagstock und Flakscheinwerfer wäre die bessere Umschreibung. Ich bin nicht mal sicher, ob diese Lichtquellen außer dem Militär überhaupt jemandem erlaubt sind. Er machte sich zu Fuß auf den Weg zu den etwa 500m entfernten Bunkern. Der Pfad war wohl kaum breiter als ein Meter, ging auf der einen Seite steil den Berg hinauf und auf der anderen Seite genauso steil hinunter. Bei Dieter weckte dieses sportliche Engagement ein wenig Unverständnis, erinnerte Sven daran, dass er doch motorisiert unterwegs sei und ein Fußmarsch in dieser Situation unnötig sei. Ich weiß jetzt nicht, ob er einfach etwas beweisen wollte, oder ob er tatsächlich auch die Bunker besichtigen wollte und keinen Elan hatte Svens Beispiel zu folgen: Dieter nahm den Weg mit seiner Über-Enduro GSXR in Angriff. Beeindruckt musste ich gestehen, dass es wirklich möglich war, diesen Weg mit einem Supersportler zu bewältigen. Aber aus meiner Sicht konnte ich keine Stelle erkennen, an der es möglich gewesen wäre dieses Fahrzeug wieder zu wenden. Über einen Rückwärtsgang wie eine Gold Wing verfügt dieses elegante Gefährt bekanntlich nicht.

Edgar und ich hatten wohl den gleichen Gedanken. Den Ort des Geschehens zu verlassen, bevor wir genötigt werden, die Gixxe in Einzelteile zu zerlegen, herumzudrehen und dann wieder zusammen zu bauen. Einen Hubschrauber hätten wir wohl kaum organisieren können. So fuhren wir entspannt unter Sesselliften die leicht geschwungenen Kurven nach Isola 2000 herunter. Wieder so eine trostlose Retortenstadt wie Val d'Isere. Zumindest wurde hier versucht, neben Wohnsilos auch klassische Chalets aus Holz dem Wintersportler anzubieten. Davon, dass Holz empfindlich gegen Feuer ist, zeugte eines dieser Chalets. In der nächsten Saison wird es wohl nicht vermietet werden können. Von Isola 2000 führte ein wunderschönes Paßsträsschen hinunter nach Isola. Woher wohl das 2000 kommt? Es gab Äußerungen, dass dies von den olympischen Winterspielen rührt, aber dem interessierten Sportler ist bekannt, dass es 2000 wohl Sommer Spiele in Sydney gab, die Winterolympiade aber seit 1994 nicht mehr im gleichen Jahr wie die Sommerolympiade stattfindet. Die 2000 sind dann wohl doch eine Referenz auf die Höhenmeter, auf welchem dieser Wintersportort liegt.

In Isola weigerten sich Andrea und Sandy das etwas versteckte Café aufzusuchen. Sie wollten zunächst tanken. Aber da es keine Tankstelle gab, bekam der Rest auch keinen Cappuccino. So einfach ist das. Auch Dieter hatte irgendwann seine Bergziege auf diesem steilen Hang gewendet und hätte mich sicherlich auf dem schönen Sträßchen überholt wenn ich noch ein bisschen mehr getrödelt hätte. Irgendwann wird er wohl mit seiner Gixxe an der Dakar teilnehmen.

Nun hatten wir den Col d 'Restefont umgangen, an dessen nördlichen Ende wir am Morgen bereits vorbeigefahren waren. Kein schlechter Tausch wie ich meine. Hatten wir doch so zwei Pässe statt nur einem, waren zudem auf einen Abstecher in Italien und überhaupt: so toll ist der Restefont auch nicht. Da im nächsten Kaff das örtliche Café, in welchem Micha und ich schon 2005 gesessen waren, geschlossen hatte fuhren wir weiter. Die Erinnerungen kamen in mir wieder hoch. Hier war doch in der Nähe... klar, da ist doch dieser Pass mit dem brutal griffigen Belag, den gemeinen Wechselkurven, alt da wo die Ohrläppchen streifen können. Immer unruhiger rutschte ich im Sattel hin und her. Edgar war inzwischen auf eine Kolonne von Fahrzeugen aufgelaufen, Dieter hatte es nicht mehr ertragen, wie Edgar Lücke um Lücke nicht zum Überholen nutzte und hatte selbst die Initiative ergriffen. Irgendwann hielt ich es auch nicht mehr aus. Wenn Edgar bummeln will - bitteschön. Aber so eine geile Straße hier. Als ich dann gerade richtig aufgezwirbelt hatte, den Speed exakt so eingestellt, dass ich mich noch zwischen dem vordersten PKW und dem entgegenkommenden Fahrzeug durchquetschen konnte, erblickte ich Dieter wartend am Straßenrand, einen Wegweiser nach links den Berg hinauf zum Col St. Martin und mir wurde schlagartig klar, weshalb Edgar so gebummelt hatte. Ich Idiot! Hatte ich doch kurz zuvor noch Erinnerungen an diesen genialen Col und jetzt bretterte ich an der Einfahrt vorbei in einen Tunnel. Nur gefühlte 2km später fand ich tatsächlich eine Stelle zum Wenden. Immerhin hatte ich alle Schleicher überholt gehabt vor dem Tunnel und ich hatte die Chance mich einwenig zu schicken.

Also kehrt Marsch. Diesmal war ich gewarnt und außerdem ist es ohnehin leichter hurtig nach rechts abzubiegen, als auf etwaigen Gegenverkehr zu achten. Genau das war die Gasse an die ich mich kurz vorher erinnert hatte. So gefühlte 4km waren aufzuholen. Mein Fauxpas hatte mich weit nach hinten gespült. Andreas zurückhaltender Fahrstil ließ erkennen, dass sie noch immer keine Tankstelle gefunden hatte und deshalb im ECO Modus unterwegs war. Wenn sie umweltschonend unterwegs war, dann durfte ich das wieder ins Gleichgewicht bringen. Sandy hatte scheinbar auch Sorgen eine Treibstoffversorgung zu finden und ich erfreute mich weiterhin an meinem sparsamen Fahrzeug. Kurz vor La Bolline erwischte ich noch Deddi und Sven und war ein wenig enttäuscht, dass ausgerechnet jetzt ein Cappuccino gekauft werden sollte.

Hätte ich geahnt, was da auf mich zukommt, wäre ich weniger enttäuscht gewesen. Dieser Ort bereitet sich scheinbar vor den Schulmädchenreport 2010 zu verfilmen. Auf einen männlichen Teeny kamen hier mindestens 10 weibliche. In diesem Ort wäre ich auch gerne aufgewachsen. Mittlerweile bin ich leider raus gewachsen und ich kann immer noch kein Französisch sprechen. Aber auch der Burger in dem Lokal konnte mich begeistern. So wandelt sich das eben im Alter. Andrea war mittlerweile deutlich besorgt ob ihres Treibstoff Problems. Nur noch zaghaft zupfte sie am Kabel und auch der Gedanke, dass es nach dem Gipfel bergab geht konnte sie nicht beruhigen. Schließlich schaffte sie es doch bis St. Martin, auch wenn sie anmerkte, der Motor hätte schon mehrfach gestottert. An der Tankstelle äußerte Sandy, dass ihre Hornet komische Geräusche macht. Also komischere als sonst. Und zufällig passiere das immer beim Bremsen. Eine kurze Inspektion brachte zu Tage, dass Sandy hinten mittlerweile mit Metall auf Metall bremste. Neue Bremsbeläge taten Not. Micha und Sandy entschlossen sich deshalb eine gemütliche Bummelgruppe zu bilden und auf direktem Wege nach Menton zu fahren. Also keine Schleifchen mehr. Der Rest machte noch ein Schleifchen und traf die beiden Materialschoner auf dem Col d'Turini wieder. Zu meinem größten Entsetzen war die Abfahrt nach Sospel gesperrt und wir mussten den Weg über den Col d'Braus antreten. Im Nachhinein bin ich eigentlich gar nicht so unglücklich darüber. Klar hatte ich mich auf diese Stelle des Turini gefreut, aber andererseits war die obere Abfahrt Richtung Braus schlichtweg ein Traum. Ein bisschen was von der Landschaft habe ich auch mitbekommen. Und außerdem ist dies ein Grund da in einigen Zeitabschnitten wieder mal hin zu fahren. Das Gässchen zum Braus war dann zwar nicht so der Hit, aber dafür entschädigte der Braus selbst und so kamen wir über Sospel nach Monti zu der Auberge, wo Micha und ich 2005 geschworen hatten, dass wir da nie wieder nächtigen werden. Da sieht man mal was Schwüre wert sind. Aber Edgar wollte da hin und musste am Vortag schon auf seine Tankstelle verzichten. Also war das auch in Ordnung.

Nach dem Einchecken ging Andrea in Begleitung der Ulmer Truppe Reifen fassen, Sven war immer noch der Meinung - wie schon in Briancon – er bräuchte keinen, ging mit Deddi das Meer angucken, Micha und Sandy versuchten ihr Glück mit Bremsbelägen in Nizza und ich hörte: "Funny – we are british and riding a german motorcycle and they are german and riding a british motorcycle". Das sollte noch ganz nett werden mit dem englischen Rentnern, die auf einer gemütlichen RT unterwegs waren. Vor dem Abendessen hatte ich noch im Supermarkt ein wenig Bier eingekauft und nach dem Essen standen wir noch lange draußen, holten Bierdosen aus dem Topcase und erfuhren, dass die britischen Rentner in Frankreich leben, er früher Chef der Londoner Verkehrspolizei war und den brillanten Einfall hatte die Londoner Citymaut einzuführen. Kein Wunder, dass die beiden ins Exil gehen mussten.

So gegen 5:30 in der Früh fiel mir wieder einer der Gründe ein, weshalb ich nicht besonders angetan war, erneut in der Auberge d'Monti zu nächtigen: Die Pendler und Frühschichtler nutzten diese einzig vernünftige Verbindung zwischen Menton und Sospel um zur Arbeit zu gelangen. Ob sie zu spät dran waren, oder einfach nur Spaß hatten mit quietschenden Reifen die Kurvenkombinationen zu nehmen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Gut, vielleicht hätte ich ja dies sowie die Tatsache, dass Steve, der Engländer mit der BMW bereits um 6:30 abfuhr verschlafen, wäre da nicht das Leck in der Toilette gewesen, dessen Wasserrauschen mich ursächlich weckte. Erst ein beherztes Abdrehen der Wasserzuleitung konnte schlimmere Überschwemmungen verhindern.

Immerhin gab es zum Petit Dejeuner tierische Proteine und Fette aufs Baguette. Wenn gleich der Kaffee lausig war. Nicht mal mit Milch und Zucker - und wer mich kennt, weiß dass ich das kolumbianische Andengebräu stets schwarz wie die Seele konsumiere, war dieses Gesöff erträglich. Ich bin mir also nicht sicher, ob der Schinken all die negativen Aspekte überwiegt und hoffe, dass die Verklärung in einigen Jahren, wenn dieses Gebiet erneut bereist wird, noch nicht so groß ist, als dass wir dringend wieder dort nächtigen müssen.

Die Stimmung erhellte sich, als es nach dem Genuss der schwarzen Brühe daran ging Sandras Hornet neue Geschwindigkeitsreduzierstücke zu implantieren. Mit einer vollständigen Werkstattausstattung eine Angelegenheit weniger Minuten, wird es jedoch, lediglich mit Bordwerkzeug bewaffnet, eine geistig und körperlich anstrengende Aktivität. Zunächst musste eine kleine mit einem Schlitz versehene Schutzschraube entfernt werden. Diese hatte sich allerdings auf die letzten 3-4000km (da hatten wir das letzte Mal auf Sardinien das Bremsgebäck gewechselt) derartig gesetzt, dass sie sich jeglicher Kraftanstrengung mittels eines Schraubendrehers widersetzte. Glücklicherweise hatte Deddi ein kleines Set mit einem Winkeldreher dabei, und so ließ sich zunächst die erste Hürde nehmen. Auch bei der innenliegenden Inbusschraube war wiederum Deddis Werkzeug behilflich. Ich muss mir unbedingt auch so was besorgen. Fraglich ob alle Kommentare für Micha hilfreich waren, den Belustigten half es zumindest den "Kaffee" zu verdauen. Kurze Zeit später war die kleine Hornisse wieder einsatzbereit und wir konnten starten.

Im Allgemeinen ist es recht dröge mit dem Mopped über die Autobahn zu fahren. Wir hatten nun so eine Etappe vor uns. Von Menton über Nizza bis Cagnes-Sur-Mer. Eigentlich schade, die Côte d'Azur derart zu queren, aber anders wäre unser Tagespensum nicht zu schaffen gewesen. Nun verhält sich das aber so, dass in Frankreich Autobahnen kostenpflichtig sind. Anders als in der Schweiz oder Österreich zahlt man nicht pauschal für einen Zeitraum, sondern nach Bedarf. Und auf dieser Strecke gab es viel Bedarf. Bei der ersten Mautstelle ignorierte ich einfach, dass gewisse Spuren für Zweiräder gesperrt sind und warf mein Kleingeld in einen Behälter um die Schranke zu öffnen. An dieser Mautstelle half ich dann auch Dieter aus, der nicht mehr über genügend Münzen verfügte. An der zweiten Mautstelle wählte ich eine freigegebene Spur mit menschlichem Kassierer und stellte fest, dass Moppeds geringer taxiert wurden. Micha löste das auf seine Weise. Sandy neben ihm an der Startlinie stehend, warf er ein und sie starteten zu zweit. Irgendwie hatte das alles etwas von einem Rennen. Wer die bessere Boxen (Mautstellen) Strategie hatte, lag vorne. Dieter hatte ich bei einem Stopp sauber ausbeschleunigt. Erst zwei Mautstellen später überholte er mich weit rechts wieder. Auch die anderen Verkehrsteilnehmer waren vom Fieber des Rennens gepackt. Es wurde überholt wo sich eine Lücke bot und die Geschwindigkeitsbeschränkung wurde als unverbindliche Richtlinie interpretiert. Da kann man gar nicht anders als sich anpassen.

Bei Cagnes-Sur-Mer verließen wir die Rennstrecke, sammelten uns und machten uns auf den Weg nach Grasse. Die Straße an sich wäre ganz lustig gewesen, wenn nicht überall feuchte Stellen, Dreck und elendig viel Verkehr wäre. So zockelten wir mehr oder weniger motiviert gen Grasse. Sven zeigte noch einen Funken Motivation und ignorierte eine der vielen Baustellenampeln. Prompt hatte er am Ende der Schikane Kontakt mit speziellen Einheimischen – der Rennleitung. Hier wurde ein Vorteil erkannt und gemäß Reglement waren sie hier verpflichtet einzugreifen. Aber Sven hatte Glück. Es gab keine schwarze Flagge, weder durch Entzug des Fahrzeuges, noch einer Konfiszierung der Rennerlaubnis. Man ließ es hier bei einer kleinen Zeitstrafe bewenden. Human, wie ich finde - wir warteten dann auch brav am nächsten Abzweig.

In Grasse wollte sich Edgar nicht lange mit Sightseeing oder shoppen von Hygieneartikel aufhalten und wir schafften es - ich glaube zum Leidwesen der Mädels - die Hauptstadt des Parfums (könnte auch Arles sein - aber wen interessiert das schon) in nur 10 Minuten zu queren. Einige Kilometer später gab es dann Ersatz. Am Straßenrand befand sich ein Stand der Düfte. Kosmetikartikel in allen Duftvariation wurden feil geboten. Jeder von uns hängte seinen Zinken mal in dieses mal in jenes Gefäß. Andrea wusste in der Theorie genau, wie man solche Düfte testet. Man krempelt den Ärmel hoch, sprüht ein wenig von dem Zeug aufs Handgelenk oder den Unterarm, verreibt es und gönnt sich eine Nase. Entschlussfreudig wie Mädels halt so sind, waren ob des Angebots bald beide Unterarme benetzt und eine objektive Beurteilung eines Duftes unmöglich geworden. Aber wozu hat man einen Freund? Der hat ja auch zwei Arme. Stunden später roch Dieter noch wie ein Stundenhotel in Saigon.

Der vorherige Tag war aufgrund der Organisation der Bremsbeläge für zwei für uns auch ein wenig länger. Auch fürchtete Micha wohl, der den Canyon d'Verdun schon kannte, dass Frankreich um eine Attraktion reicher sein würde, wenn er Sandy helfen sollte einen Troll zu bauen um den Canyon zu verdauen. So beschlossen die beiden, die Strecke ein wenig abzukürzen und dann wieder auf die von Edgar geplante Route zu stoßen. Die anderen schlugen daraufhin den Weg zum Canyon ein, verfuhren sich nur ganz wenig und stärkten sich noch an einer der typischen Touristenfallen. Der Ausblick auf die Schlucht war aber an dieser Stelle auch grandios. Mehrere hundert Meter hatte sich der Bach in jahrhundertelanger Arbeit in den Kalkstein gefressen und dabei die bizarrsten Formen geschaffen. Es ist schon erstaunlich, wo der Mensch meint Straßen zu bauen. Klar ist dieser Canyon eine Sehenswürdigkeit. Aber deshalb eine 30km lange Straße rund um diese Schlucht, welche aufgrund ihrer Topographie keine Geraden erlaubt, auf Steuergelder zu finanzieren? Ist ja eigentlich auch egal. Uns hats gefreut. Zumal an diesem Tag erstaunlich wenig Wohnmobile und vergleichbare Pylonen unterwegs waren. So konnten wir auf der engen und verwinkelten Straßen wieder mal abwinkeln trainieren.

War die südliche Variante in Westrichtung schon richtig toll, so wurde diese auf der Nordseite noch mal um Längen getoppt. Wer hier zur Hauptreisezeit herkommt beißt sich vermutlich sonst was in den Hintern, wenn sämtliche Kurven vonLandschaftsfanatikern zugeparkt werden.

Ich hatte nur einmal Pech. Edgar und Dieter ließ der Trödler mit Landschaftsambition noch passieren und räumte den beiden einen gefühlten Vorsprung von einer halben Stunde ein. Da hat Einstein mit der Relativität schon recht. Irgendwie liegt das alles im Auge des Betrachters. Da zuckelt so ein Wolfsburger Erfolgsmodell vor dir, du siehst Kurve um Kurve, welche dir durch diesen Fahrstil vermiest wird, spürst instinktiv, welch grandiosen Vorsprung das Grüppchen vor dir herausfährt und obwohl du weißt, dass es am Ende der Route weder Pokal noch Siegertreppchen geben wird, hast du das Gefühl, einfach hinterher stechen zu müssen, verlorene Meter wieder gut zu machen, später zu bremsen, schräger zu fahren, früher den Hahn zu spannen - alternativ könnte man natürlich diesen fantastischen Canyon, diese atemberaubende Landschaft mit von insterbüschen durchsetzten Kalkfelsen in sich aufzusaugen (das hab ich aus irgendeinem Reiseführer - Zeit zum gucken hatte ich aufgrund des imaginären Pokals nicht). Da wurde man also 20 Sekunden behindert, zeitgeschichtlich für die Welt gesehen nicht mal im Ansatz ein Pfurz, aber klein Floh fühlt sich – im Wissen nicht der letzte zu sein - bemüßigt, diesen Zeitabstand wieder einzuholen. Vor Kehren spät einzunieten, mit radierendem Hinterrad um die Ecke zu zirkeln, nur um diese Schmach wieder wett zu machen. Ein bisschen auch um Spaß zu haben. Aber eigentlich völlig verblödet. Da bin ich nun im einem der atemberaubendsten Canyons von Europa, denke an Anbremszonen, Umlegen, Abwinkeln, Durchbeschleunigen, hin und wieder streichelt die Raste den Asphalt, nur um Sekunden wieder wett zu machen, für die es ohnehin keinen Pokal, keine Ehre, kein Lob, keinen Sponsor gibt. Völlig verblödet! Ich würde es morgen wieder so machen. Vielleicht würde ich das Fahrwerk vorher noch besser abstimmen.

Was sollte nach Castellane schon noch groß kommen? Wir hatten den König der Canyons hinter uns, dem Mopped war ob der vielen Kurven immer noch Schwindelig und ich war mir sicher, eine der genialsten Moppedstrecken gerade gefahren zu sein. Wobei man ja fairerweise zwischen Moppedstrecke und Moppedstrecke differenzieren sollte. Da gibt es die im den kurzen Schwüngen und die mit den langen Schwüngen. Das ist ungefähr so wie wenn ein Jüngling zwischen verschiedenen Brustformen seinen Favorit finden soll. Ich muss zugeben, dass ich die Aufgabenstellung eine Entscheidung zu finden früher überfordert hat. Ich war der Ansicht, dass es prinzipiell vom Ambiente abhängt. Ob eng oder rund, schnell oder wendig - Hauptsache es sind Kurven da. Sind diese auch noch von gefälligem Äußeren wie Berge, Seen, Canyons oder steilen Überhängen verpackt, dann muss ich mich in diesem Fall von der Monogamie verabschieden. Ich kann nicht einfach nur eine Straße lieben. Ich muss sie alle haben.

So was, was ich unbedingt auch haben wollte, und sicherlich immer mal wieder haben will kam nördlich von Castellane. Am Ostufer des Lac de Castillon schwang sich ein Sträßchen, bei dem sich die Straßenbauer nicht mal im Ansatz die Mühe gemacht hatten den natürlichen Verlauf des Ufers zu begradigen. Auf der gut ausgebauten und bodenwellenarmen Piste ließ sich die Sucht nach Schräglage erneut ausleben. Ich hätte mich sicherlich nicht beschwert, wäre es den ganzen Tag so weiter gegangen. Aber wie das im Leben so ist, man hat ein Ziel. Im richtigen Leben hat man das Bedürfnis ein solches Ziel so geradlinig wie möglich zu erreichen, muss aber auch verschwungene Wege in Kauf nehmen. Auf dem Zweirad ist es genau anders herum. Man muss um das Ziel zu erreichen auch mal eine Gerade akzeptieren. Ein solches Schicksal ereilte uns dann an der Auffahrt zum Col d'Allos. Zu allem Überfluss war dann weder die Auffahrt noch die Abfahrt ein Feuerwerk der Schräglagen. War die Auffahrt noch wellig und ein wenig verdreckt, hatten die Straßenbauer großzügig Rollsplit auf der Abfahrt verteilt. In Barcelonette am Fuße des Col d'Allos erachtete ich es als an der Zeit mit Micha und Sandy Kontakt aufzunehmen um zu klären wo in dieser Nacht Logis gesucht werden sollte. Micha meinte er sei in Guillestre und in Ermangelung von genauer Ortskenntnis nahm ich an, dass er über den Col d'Vars gefahren sei und damit die geplante Route verlassen habe. Wenn man eben keine genaue Karte dabei hat und lediglich auf Ausdrucke des Garmin Programmes vertraut, welches die kleinsten Käffer groß herausbringt und bedeutende Ortschaften einfach unterschlägt, kann das schon mal passieren. Edgar wollte auf jeden Fall nach Emrun und wollte sich nicht länger mit Kommunikation oder Klärung von Missverständnissen aufhalten. Plötzlich kam Hektik in die Truppe, ein überstürzter Aufbruch folgte. Im Verlauf dieses Aufbruches kam es zu verschiedenen Kollateralverlusten. Aber immerhin dauerte es nicht allzu lange die verlorenen Schäfchen wieder einzusammeln und über die D900 Richtung Emrun zu fahren.

Ich hatte gerade wieder auf Dieter und Edgar aufgeschlossen, als Edgar den Abzweig nach Emrun ignorierte und dem Verlauf der Straße folgte. Dieter hatte auch die Geschwindigkeit gedrosselt und schien ob Edgars Verhalten irritiert zu sein. Ich entschied, dass Edgar den Irrtum bald aufgrund eines Blickes auf sein Navigationsgerät bemerken würde, zumal Dieter inzwischen die Verfolgung aufgenommen hatte, ihn bald stellen würde und bezog Stellung am Abzweig um auf die anderen zu warten. Nachdem Andrea, Sven und Deddi eingetroffen waren, begannen wir die mobilen Leitungen heiß laufen zu lassen. Andrea telefonierte mit Dieter, Dieter mit Edgar, ich mit Micha, Dieter mit mir. Auch wenn es im Verlauf dieser koordinierten Gespräche zu gewissen Missverständnissen bezüglich auf einander warten kam, kristallisierte sich heraus, dass Micha Betten für uns in Mont-Dauphin-Gare gefunden hatte. Nachdem wir nicht auf Edgar und Dieter an dieser Abzweigung warteten, befuhren wir die Uferstraße des Lac de Serre-Poncon. Das sollten wir unbedingt mal wieder tun. Vielleicht wenn es nicht so sehr dämmert. Auf jeden Fall ist die Strecke ein Genuss. Gerade auf die N94 gestoßen wurden wir von Dieter überholt. Sein Fahrstil ließ erkennen, dass er leicht verärgert schien. Er war deutlich vor uns in Mont-Dauphin. Kurz zuvor wurden wir noch das erste und letzte Mal auf dieser Tour nass. Ganze 5 Minuten benetzte uns der Himmel und waren schon wieder trocken, als wir am Hotel ankamen.

Nach dem obligatorischen Ankommbier, dem Aufteilen der Zimmer und einer kurzen Dusche ging es zum Abendessen. Dass der Franzose an sich gewisse zweifelhafte Essgewohnheiten hat, ist auf der ganzen Welt bekannt. Warum dieser Volkstamm noch nicht aufgrund von Salmonellenvergiftung ausgestorben ist, ist für mich allerdings ein Rätsel. So eine Entenbrust kann durchaus eine Delikatesse sein, wird diese jedoch nur kurz von jeder Seite mit starker Hitze verbrannt um im Inneren völlig roh zu bleiben, ist sie dies mit Sicherheit nicht. In diesem Punkt waren Micha und ich uns einig. Da Alkohol desinfizierende Wirkung nachgesagt wird, nutzen wir dann noch den Rest des Abends etwaige Salmonellen mittels Wein zu töten.

Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück kam, waren die meisten bereits fertig. Ich muss zugeben, das Aufstehen fiel nicht ganz leicht. War wohl doch keine so gute Idee, am Vorabend viel Initiative bei der Vernichtung des Rotweines zu zeigen. So würgte ich noch schnell ein Croissant in mich hinein und spülte es mit einem Kaffee hinunter. Als ich hinaus kam, war Edgar schon in voller Montur und Sven holte sich gerade die Erlaubnis ein nach Briancon voraus zu eilen, um sich einen neuen Hinterreifen zu kaufen. Mittlerweile war auch Micha von den Toten erwacht und holte sich ein Expressfrühstück. Rasch ging ich ins Zimmer, zog man Klamotten an, packte meinen Koffer und eilte zum Fahrzeug. Nahezu alle hatten ihr Gepäck bereits vertäut und von Edgar schien eine gewisse Unruhe auszugehen. Edgar setzte den Helm auf, zog die Handschuhe an und antwortete auf meine Frage, ob er denn nicht noch 5 min warten wolle, mit einem bestimmten Nein. Ich haderte mit mir, ob ich auch folgen sollte, oder auf Micha, Sandy und Andrea warten sollte. Nun, Andrea hetzte sich nun auch, Gepäck zu befestigen und dem tatendurstigen Recken zu folgen. In Anbetracht dessen, dass ich von der Schweiz aus mit dem Hänger fahren wollte, entschied ich mich fürs warten.

Micha entdeckte noch seine Tierliebe, rupfte Gras und fütterte die auf einem LKW zusammengepferchten Ziegen. Wenige Minuten später verließen auch wir Mont-Dauphin-Gare und nahmen Kurs auf Briancon. Wäre es nicht zum einkullern gewesen, wäre die Strecke noch eintöniger gewesen. Bis auf zwei Kurven hatte die Straße auch gar nichts von dem was Moped fahren an sich ausmacht. In Briancon testete ich wieder einmal auf kürzester Strecke einen Ort zu passieren unter zu Hilfenahme von Boris, dem Navigationsgerät. So ein Navi ist schon eine feine Sache. Es führt einen an Orte, Plätze, Gassen, die man sonst nie gesehen hätte. Teilweise keimen Zweifel, ob nicht vielleicht doch die Bits und Bytes durcheinander geraten sind. Man hofft inständig, dass jetzt ja nicht die Stromversorgung ausfalle, da man sonst nie mehr diesem Gewirr an Gassen entkommen würde. Aber zuverlässig wurden wir wieder auf die Straße Richtung Montgenevre gelotst.

Gelegentlich fragt man sich, wie so idyllische Metropolen wie Briancon, umrahmt von hohen Bergen, mit den Gütern des täglichen Bedarfs versorgt werden. Da gibt es Fast Food Lokale, die ihre Weichbrot Auflagen sicherlich nicht selbst schlachten. Da gibt es Reifendealer, die stets frische Ware für Not leidenden Motorradfahrer auf Lager haben. Eifrige Fernfahrer müssen dieses Idyll wohl mit Waren versorgen. Ich glaube, ich habe das Rätsel dieser Versorgung gelöst. Es muss der Montgenevre sein. Breit ausgebaut, damit auch die größten Lastwägen die raue Bergwelt passieren können. Über die Jahrhunderte wurde so wohl aus einem schmalen Pfad der bereits zur Römerzeit verwendet wurde, über welchem Cäsar seine Legionen hetzte und in späteren Jahren aber Barbarossa nach Oberitalien reiste, ein breiter Trucker Highway.

Ein Stück vor Susa passierten wir das Dörfchen Exilles. Mir war auf vorherigen Touren schon die dortige Festung aufgefallen. Aus Frankreich kommend, fällt einem zunächst dieses leicht ansteigende Fußballfeld unmittelbar vor der Festung auf. Der Laie wundert sich, wo denn dort die Tribünen für die Zuschauer platziert gewesen sein müssen. Betrachtet man es allerdings etwas genauer, so kommt einem die Idee, dass es sich hierbei um eine Art fest installiertes trojanisches Pferd handelt. Da kommt ein armer Franzose und will Italien überfallen, stellt fest, dass die Italiener im hier mitten im Berg eine prima Anlaufstrecke gebastelt haben, um dann festzustellen, dass an der dahinterliegenden Mauer lauter Schießscharten in der Wand eingelassen sind. Die waren schon gerissen, die Italiener.

Gebaut wurde diese Festung um 1830 auf den Grundmauern einer von Napoleon geschliffenen Burg. Und in dieser wurde zwischen 1681 und 1687 ein mysteriöser Gefangener unter dem Namen Maschera di Ferro - bekannt geworden unter dem Namen "der Mann mit der eisernen Maske" festgehalten. Aber den Film habt ihr bestimmt gesehen und wisst daher, dass es sich dabei um einen unehelichen Sohn des französischen Königs oder seinen Zwillingsbruder handelte.

Wenn die Strecke schon nicht anspruchsvoll ist, kann man sich ja mal mit der Geschichte ein wenig auseinandersetzen.

Schon oben am Montgenevre hielten wir Ausschau nach einem Café um den ersten Cappuccino des Tages zu genießen. Kurz vor Susa wurden wir fündig und genossen in der Mittagssonne unser koffeinhaltiges Heißgetränk. Sven hatte wohl seinen Reifen bekommen. Zunächst passierte Edgar grüßend das Café gefolgt von Dieter, Andrea, Deddi und Sven. Ich glaube ja immer noch, dass es eigentlich ein Missverständnis war. Aber in diesem Moment drängte sich mir der Verdacht auf, dass Edgar lieber ohne uns weiter fahren wollte. Und so genossen wir in aller Ruhe unseren Cappuccino und noch einen zweiten, bevor wir uns auf den Weg zum Mont Cenis machten.

Der Mont Cenis. Auch so ein Pass, der schon seit Jahrhunderten genutzt wird. Bekannt bei den Römern, genutzt 1077 von Heinrich IV., um unbehelligt von politischen Gegnern, beim Papst in Canossa Abbitte zu leisten. Muss wichtig gewesen sein. Also ich möchte nicht im Januar bei dichtem Schneetreiben mit meinem Tross zu Fuß über diesen Berg latschen. Und damals war der Mont Cenis bestimmt noch nicht so gut ausgebaut. So 800 Jahre später stellten sie dann oben am Mont Cenis auch noch eine Festung hin. Der Micha und ich haben uns die vor fünf Jahren mal etwas näher angesehen. Damals rätselten wir schon, wofür die vielen Tunnels auf italienischer Seite gewesen sein mögen. Keine 3 m breit, vielleicht 3 m hoch, für den automobilen Individualverkehr durchaus ungeeignet. Und für Fußgänger hat man sich sicherlich nicht diese Mühe gemacht. Als ich dann irgendwo am Pass eine Tafel mit einer Dampflokomotive gesehen habe, nahm ich mir fest vor, das zuhause mal nachzuschlagen. Und tatsächlich: Es waren Engländer, welche ihre Post schneller nach Indien befördern wollten, die eine provisorische Eisenbahn über den Mont Cenis von Lanslebourg nach Susa bauten. Die Fertigstellung des sog. Frejus-Tunnels ging ihnen nicht schnell genug. Als der Tunnel dann fertig war, bauten sie die Eisenbahn nach gerade drei Jahren Nutzung wieder ab. Eigentlich schade, das wäre doch mal ein Bähnchen nach unserem Geschmack gewesen. Noch eine Information am Rande: am 10. Januar 1914 erklomm erstmals ein gewisser Alberto Garelli auf einer selbst gebauten 350er den tief verschneiten Mont Cenis. Was sind wir dagegen doch für Weicheier.

Nach dem Mont Cenis passierten wir Lanslebourg und nahmen direkt Kurs auf den Col d'Iseran. Was mir schon einige Tage vorher bei dem Dorf unmittelbar vor dem Pass Anstieg aufgefallen war: über den Seeweiher führte eine steinerne Brücke. Ein so unsinniges Bauwerk hab ich selten gesehen. Der See, besser gesagt ein Teich, gleicht einem Oval mit vielleicht 50 x 30 m. Und mitten über diesen Tümpel führt einen 5 m breite Brücke. Da wäre es bei Leibe einfacher gewesen, außen drum herum zulaufen.

Mit jedem Höhenmeter, den wir nun erklommen, sank die Temperatur. Es war gefühlte 20° kälter als die Woche zuvor. Mit klammen Fingern, weicht bei mir jede Motivation richtig anzugasen. Wenn dann auch noch der Bürzel kalt wird, dann eierte ich nur noch mit minimal Schräglage durch die Gegend. Hat aber an einem solch klaren Tag auch seine Vorteile. Man sieht was von der Landschaft. Am Gipfel stellten wir fest, dass Sandys Troll noch immer stand. Drum war ja auch bis auf die Bremsbeläge nichts passiert. Zudem wurde ich Zeuge, wie ein Schweinfurter auf Schweinfurter traf. Auf fast 3000 Höhenmetern. Mir war noch gar nicht bewusst, dass es dort mehr als einen Mopedfahrer gibt. Nachdem man sich herzlich begrüßt hatte, austauschte wer wo gewesen sei, die angeschliffenen Knieschleifer der BMW fahrenden Unterfranken bewundert hatte und sich wunderte, warum deren Hinterreifen nicht ähnlich aussahen, nahmen wir den Abstieg in Angriff. Der war ähnlich kalt wie der Aufstieg. Micha zog sogar in Erwägung, sich Heizgriffe zu verbauen.

Ein Café tat Not. In Val d'Isere war es uns allerdings noch zu kalt und so zogen wir weiter nach Bourg St-Maurice. Inzwischen waren die Finger wieder aufgetaut. Voll der Überzeugung, auf der Anfahrt zum kleinen Bernhard ein Café zu finden, verzichteten wir darauf, in die Ortschaft zu fahren. Scheinbar hatte ich es ziemlich eilig ein Café zu finden. Da alles, was gastronomischen Anschein erweckte, die Pforten geschlossen hatte, stürmte ich den Berg hinauf. Erwähnte ich schon, dass meine Finger wieder warm waren? Ein schönes Sträßchen. Kurz vor dem Gipfel fanden wir dann doch noch unser Café. Trotz deutlich kühler Temperaturen genossen wir bei strahlendem Sonnenschein unseren letzten Kaffee in Frankreich für lange Zeit.

Unten im Aosta Tal angekommen machten wir uns auf die Suche nach einer Herberge. Im allgemeinen ein eher kurzweiliges Vergnügen. In der Regel landet man spätestens beim dritten Versuch einen Treffer. Diesmal war es aber irgendwie anders. Zunächst schienen diese Herbergen irgendwie versteckt zu sein. Als wir bei einem Supermarkt anhielten, um uns noch mit den notwendigsten Utensilien einzudecken, entdeckte ich einen Wegweiser zu einem "Bed & Breakfast". Klingt typisch italienisch, oder?

Aber irgendwie spornte dass meine Neugier an. Während die beiden anderen einkauften, folgte ich dem Wegweiser. Zunächst führte die Straße mitten durch das urtümliche Dörfchen und wand sich dann, von Bäumen gut versteckt, in einem schmalen und kurvenreichen Pfad den Berg hinauf. Vorbei an Dörfern, bei welchem ich Zweifel hatte, ob den Einwohnern die Erfindung der Elektrizität bereits mitgeteilt wurde, fuhr ich immer tiefer in den Berg. Gelegentlich entdeckte ich noch einen Wegweiser, welcher versprach, dass dort hinten tatsächlich eine Unterkunft existiert. Aber eigentlich war mir das schon egal. Diese Strecke war quasi das i-Tüpfelchen des heutigen Tages. Nach insgesamt etwa 10 km entdeckte ich tatsächlich die Unterkunft. Aber wie nicht anders zu erwarten, war diese zu dieser Jahreszeit natürlich schon geschlossen. Und so genoss ich erneut den versteckten Pfad, um zurück zum Alimentari zu gelangen.

So sattelten wir wieder auf, verschlossen den Helm, zupften die Handschuhe zurecht, folgten der Bundesstraße gen Aosta, um schon 300 m später festzustellen, dass hier eine Unterkunft neben der anderen stand. Aber ich hab noch mein i-Tüpfelchen bekommen. Trotz der bereits fortgeschrittenen Jahreszeit und dem damit ausbleibenden Touristenstrom waren die Hoteliers nach wie vor der Meinung, sie müssten mit einem Schlag reich werden. Da wir nicht gewillt waren diesem Raubtier Kapitalismus zu fördern, folgten wir weiter der Straße nach Aosta. Man merkte deutlich, dass diese Region von Tourismus verwöhnt ist. Die Zahl der Hotels und Pensionen nahm sprunghaft zu. Instinktiv spürten wir, dass die Saison gut verlaufen war. So richtig war keiner, trotz leerer Zimmer, auf unser Geld angewiesen und verlangte deshalb Wucherpreise, um uns nicht aufnehmen zu müssen.

Schließlich fanden wir direkt an der Hauptstraße ein etwas in die Jahre gekommenes zwei Sterne Hotel, wo wir für einen angemessenen Preis Quartier bezogen. Während wir bei unserem obligatorischen Ankommbier vor dem Hotel saßen, traf der Sohn des Hauses auf einer Aprilia Mille ein. Als wir sahen, wie er sich bückte, um unsere Reifen nach ihre Nutzungsgrad zu inspizieren, wussten wir, dass wir richtig waren. Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, suchten wir noch eine nahe gelegene Pizzeria auf, welche einen Piraten als Innenausstatter gehabt haben muss und ließen den Abend ausklingen.

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